Diesmal allerdings (das Foto zeigt einen seltenen Augenblick Sonne) regnete es und regnete es und regnete es. Die Dunkelheit und die Feuchtigkeit kroch uns in die Knochen und ins Hirn, Tage Uhrzeiten Aufgaben Ziele verschwommen, gute Laune war etwas, das wir mühsam bauen mussten wie einen Jengaturm.
Wir an Land. Die Taucher:innen hatten einen anderen Blick.
Wie Antonius, der mich dieses Jahr am Stand unterstützte und der seine Sicht direkt aus dem See ans Ufer brachte. Die Stille in über 30 Meter Tiefe, das starke Gefühl der Verbundenheit, das dort unten spürbar wird, wenn der Puls langsamer und langsamer und langsamer wird ... Tauchen als eine intensive Form von Meditation.
Antonius kam freudestrahlend aus dem Wasser: wie wunderschön der Regen von unten sei, stell dir vor, über dir Abermillionen von Tropfen, die sich ringförmig über dir ausbreiten.
So wie die Sterne im Nachttauchgang: der klare See - der so klar ist, weil in ihm früher Kreide gewonnen wurde - und die Milchstraße darüber, die sich in einem wolkenlosen Moment über dem See ausbreitete. Stell dir vor, wie ihr langsam aus der Tiefe aufsteigt und dein Buddy nach oben zeigt und ihr seht, wie die Sterne über euch ihr Funkeln entfalten. Wenn ich es richtig verstanden habe, haben sich die Taucher:innen in diesem Moment still unter der Oberfläche ins Wasser gelegt und die Sterne durch das Wasser hindurch bewundert ...
Der andere Blick auf die Dinge: das war meine Aufgabe an Land. Die erste Frage der Teilnehmer:innen, wenn sie zu uns kamen, war fast immer: Was macht ihr?
Selbst wer weiß, was eine NGO ist, weiß eigentlich nicht, was die machen. Ist auch alles andere als einfach zu erklären und von NGO zu NGO sehr verschieden, mindestens so wie die Arten zu tauchen. Was wir bei DEEPWAVE machen, ist einigermaßen speziell
und unterscheidet sich von der Arbeitsweise unserer NGO-Kolleg:innen bei den großen NGOs, mit denen wir zusammenarbeiten.
Verstehbar sollte es allerdings sein, weil wir das Ganze ja nicht für uns machen, sondern für euch. Was machen wir als NGO, als Nichtregierungsorgansiation? Wir reden,
wir stellen Fragen und beantworten Fragen. Mehr eigentlich nicht. Entscheidend ist nur, mit wem und wo.
Einmal natürlich an Orten wie dem Kreidesee, in einer Community, die viel weiß, sich viel fragt und gerade deshalb: leidet. An schiefen Einordnungen, das, was wir scherzhaft "gefährliches Halbwissen" genannt haben, easy z.B. im Bereich Tiefseebergbau, weil da eigentlich alles, was dazu in den gängigen Medien derzeit verzapft wird, gefährliches Halbwissen ist. Bewusst oder aus Nachlässigkeit oder Zeitmangel, auf jeden Fall nicht
mit der Verantwortung, die wir von einer Berichterstattung zu so einem entscheidenden Thema erwarten. Ich frage mich das täglich: Warum beginnen Berichte darüber mit dem Framing: "Da unten sind diese Metalle, die wir brauchen, also wie kommen wir da ran."
An diesem Satz sind glaube ich nur die Lücken zwischen den Wörtern kein Bullshit.
Warum das so ist, könnt ihr in dem Longread (N°1) nachlesen, das Josefa Beyer für uns geschrieben hat und das wir in den nächsten Wochen veröffentlichen. Josefa ist schon weitergezogen, sie sitzt gerade als Observerin in Genf bei den zweiwöchigen Verhandlungen zum UN Plastics Treaty.
Auch so ein großartiges Thema, das noch bessere Laune macht als über Tiefseebergbau im Dauerregen in einem durchgeweichten Zelt zu sprechen.
Josefa wird uns auch darüber ein Longread (N°2) schreiben. Aber keine Bange!
Es wird hell am Horizont! Irgendwann nach vielen Stunden über Manganknollen und fiese Machenschaften und Parallelwelten zwischen unternehmerischer Gier, manipulativer Sicherheitspolitik und Völkerrecht, dachte ich: ich brauche etwas Sonne und wusste sofort, was das ist: Kelp! Und kaum hatte ich das laut gesagt, steht da eine Taucherin,
die darüber ihre Masterarbeit geschrieben hat und mindestens ein so großer Kelpfan ist wie ich und wir bei DEEPWAVE. Also bekommt ihr auch darüber ein Longread (N°3).
Ist hier zufällig jemand, der oder die nicht weiß, was Kelp ist? Ihr seid auf jeden Fall nicht allein damit. Für uns ist Kelp die Zukunft. Wälder aus Makroalgen, die einfach alles können. Und wunderschön sind. Sprecht mal mit Apnoetaucher:innen über Kelp, wie ihre Augen dann leuchten. Oder mit Jannes Landschoff, dem Biologen aus dem Stab von
My Octopus Teacher, der mir draußen auf dem Mittelmeer auf der Vaka Okeanos anlässlich der UN Ocean Conference erzählt hat, warum sie diesen Film gemacht haben. Für Kelp.
Also ihr seht: Wir reden nicht nur mit euch, die uns fragen: Was kann ich tun?
Damit kein Tiefseebergbau stattfindet. Jetzt nicht und auch nicht später.
Damit die Plastikproduktion radikal gedrosselt wird trotz der Ablenkungsmanöver und Verhinderungstaktiken der Fossil Fuel Länder.
Damit nicht in jeder Minute, die ihr für diesen Newsletter braucht, zwei Lastwagenladungen neues Plastik in die Ozeane geschüttet werden.
Damit anders Wirtschaften nicht mit Verzicht in Zusammenhang gebracht, sondern mit
der Befreiung von Verzicht: wir verzichten ja
jetzt auf Meere ohne Mikroplastik, darauf, dass unsere Kinder jemals in ihrem Leben einen Strand ohne Mikroplastik zwischen den Zehen betreten können, wir verzichten auf saubere Luft zum Atmen, auf einen stillen Ozean, auf alle Korallen dieser Erde ab 2050, auf auf auf auf so viel...
Aber noch müssen wir nicht auf eine zerstörte Tiefsee verzichten.
Also geben wir
Interviews, so wie gestern Morgen dem Bachelorstudenten, der zur sogenannten Zweijahresklausel arbeitet, die durch eine gewisse Tiefseebergbaufirma ausgelöst worden ist, um die internationale Staatengemeinschaft vor sich her zu treiben. Bisher zum Glück erfolglos. Nur haben wir inzwischen zwei Parallelwelten: eine, in der gemeinsam das Völkerrecht akzeptiert wird, und eine, in der außerhalb davon agiert werden will. Die Frage, welche Entwicklungen wir erwarten, ist weniger denn je zu beantworten. Umso mehr geht es darum, die Geschichte richtig zu erzählen. Daher die Interviews, Paneldiscussions, Longreads und endlosen Gespräche. Aus irgendeinem Grund glaube ich daran, dass es Sinn macht, das worauf es ankommt, richtig zu erzählen. (Ich weiß,
richtig ist ein heikler Terminus, aber dieser Text hier soll kein Longread werden.) Nur so kann der Raum entstehen, die Dinge zum Guten zu verändern.
Aus irgendeinem Grund glaube ich daran, dass der andere Blick zählt.
Und
last but not least reden wir mit
Politiker: innen, die zu wenig Zeit haben, unsere Longreads zu lesen, aber wissen müssten, was da drinsteht. Also kürzen wir ab, wir legen Trampelpfade quer durchs Dickicht, damit klar ist, wo es lang geht.
Wir sorgen für den anderen Blick, den von unten aus dem Wasser in den Regen oder in die Sterne.
Teilt ihn,