Liebe Freund:innen der Meere, liebe Ozean-Enthusiast:innen, liebe Mitstreiter:innen,
herzlich willkommen in der Ausgabe #3 unseres Newsletters, heute geht es natürlich um das, was in Genf passiert ist. Ihr werdet überall in den verschiedensten Ausführungen gelesen haben, dass die Verhandlungen zum UN Plastikabkommen, dem UN Plastics Treaty, gescheitert sind. Und dass das eigentlich gut ist (besser als ein Vertrag, der alles schlimmer machen würde, indem er den Istzustand zementiert). Und eine Katastrophe.
Wie kam es dazu? Wir haben das Glück, dass Josefa Beyer für uns direkt aus Genf berichten kann: Sie war zwei Wochen vor Ort bei den Verhandlungen als Jugenddelegierte dabei. Wenn ihr tiefer in das Thema einsteigen wollt, empfehle ich euch die Empfehlungen am Ende dieses Newsletters, unter anderem mit einem Podcast mit ihr.
Bevor Josefa zu Wort kommt, möchte ich versuchen einzuordnen, was dieses Treaty bedeutet. Dabei ist mir deutlich geworden, dass dieser Newsletter sich von den anderen unterscheiden wird, aus dem einfachen Grund, weil mir in diesem Moment nicht klar ist, woher das Licht am Horizont herscheinen soll. Ich kann eigentlich nur meine Ratlosigkeit (die höfliche Form der Wut) nachzeichnen.
Seitdem es DEEPWAVE gibt als Verein, seit 2003, beschäftigen wir uns mit dem Thema Plastik in den Meeren. Am Anfang haben wir wie viele mit dem Missverhältnis zwischen absurd kurzer Gebrauchszeit und absurd langem Überdauern in den Meeren argumentiert, manche von euch erinnern sich vielleicht noch an diese Zahlen: eine Plastikgabel verbleibt 500 Jahre im Meer, eine Windel 200, eine Flasche soundsoviel. Wir haben den International Coastal Cleanup Day nach Hamburg gebracht, ich erinnere mich noch als sei es gestern an die verdutzen Gesichter der Strandbesucher:innen, die in Övelgönne an der Elbe saßen und sich wunderten, was wir da mit Handschuhen und Zangen alles aus dem Sand zu ihren Füßen und aus der Böschung zogen.
2016 haben wir mit unserer BLUE STRAW Kampagne anhand des Plastiktrinkhalms die Problematik von Single Use Items in die Bars, Cafés und Schulen gebracht (und damit die Google Impact Challenge Deutschland gewonnen) und so dazu beigetragen, gemeinsam mit unseren Kolleg:innen der anderen aktiven NGOs, den EU-weiten Bann von Einwegplastik auf den Weg zu bringen.
Allmählich zeichnete sich immer mehr die ganze Dramatik dessen ab, was Plastifizierung der Meere genannt wird. Ich erinnere noch gut die Situation des Gespräches, weil mein Gefühl so beklommen war, als eines Tages Onno, unser Gründer, mir darlegen wollte, was mit Mikroplastik auf uns zukäme. Zu einer Zeit, als noch niemand davon sprach. Ich weiß, wie ich mich dagegen wehren wollte, das zu verstehen, und dachte: „Nicht auch noch das.“ Mir dämmerte, dass diese schönen Verfallszeiten eine hilflose Brücke waren, dass eigentlich etwas ganz anderes auf uns zukommt: Dass wir dieses Zeugs niemals wieder rausbekommen aus den Meeren. Und aus allen Lebewesen der Meere, die niemand gefragt hat, ob sie Plastik haben wollen oder nicht. Das war schon Schreck genug. Inzwischen lernen die Kinder in der Schule, dass das Zeugs in der Luft ist, in der Arktis im Schnee, in der tiefsten Tiefsee, in unseren Lungen, in unseren Gehirnen. Wir betreiben also nicht nur die Plastifizierung der Meere, sondern die Plastifizierung von uns selbst.
Wenn ich am Strand langgehe und diese winzig kleinen Kügelchen im Spülsaum sehe und die großen zerfetzten Teile, deren Bewuchs zeigt, dass sie schon lange unterwegs waren, dann überkommt mich Trauer darüber, dass meine Kinder und die Kinder meiner Kinder und die Kinder der Kinder meiner Kinder niemals mehr einen Fuß an einen Strand setzen werden ohne diese Plastikkügelchen zwischen den Zehen, ganz egal wo auf der Welt.
Das ist der Verzicht, indem wir leben, und nicht der Verzicht auf eine glänzende Verpackung oder den ToGo-Becher oder die Wegwerfsonnenbrille.
Die letzte Volte - und ich bin gespannt was danach kommt - ist die beängstigendste:
Nachdem wir lange belächelt wurden, dass wir uns mit damit beschäftigen, dass da so Zeugs am Strand rumliegt (nervt, aber so what), dämmerte der Weltgemeinschaft allmählich, dass da ein ernsthaftes Problem vorliegt. Und dass dieses Problem mit den anderen ernsthaften Problemen ziemlich eng gekoppelt ist (ein Meer voller Plastik produziert weniger Sauerstoff, ein so geschwächtes Meer kann noch weniger CO² aufnehmen und das sechste Massensterben hat auch damit zu tun).
Lange wurde versucht uns einzureden, die Lösung sei allein, dass wir als Individuen unser Verhalten ändern müssen, weil dann ja weniger von dem Kram gebraucht werden würde, also auch weniger produziert werden müsste. Abwälzung aufs Mülltrennen, sinnvoll, ja, aber dennoch eine strategische Erfindung der Plastikindustrie.
Allen, die sich ernsthaft mit dem Problem auseinandersetzen, dämmerte immer mehr, dass es eigentlich nur eine sinnvolle Rettung gibt: Die Plastikproduktion radikal zu kappen, und mit radikal war radikal gemeint. Am Anfang der UN Plastics Treaty Verhandlungen schwirrten Zahlen von einer Verringerung um 80 % der Plastikproduktion durch die Community. Das, was realistisch Sinn machen würde. Und heute unvorstellbar klingt. Alternativen entwickeln (schon mal von Kelp gehört?), Wiederverwendung und Design komplett neu denken. Den Hahn zudrehen, der unsere Welt erstickt.
Allerdings hatten wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die, die wissentlich seit Generationen mit dem Leben der Menschen auf diesem Planeten spielen, werden sich nicht so leicht davon abhalten lassen, es weiter zu tun. Die fossile Industrie erfindet sich immer wieder neu. (Siehe der Artikel dazu in den Empfehlungen.)
Aber wir geben natürlich nicht auf,
Eure Anna Groß, CEO DEEPWAVE