Liebe Freund:innen der Meere, liebe Ozean-Enthusiast:innen, liebe Mitstreiter:innen,

herzlich willkommen in Ausgabe #4 unseres Newsletters. Heute mit einem Experiment: zwei Texte in einem. Die Großen Ferien sind vorbei, alle trudeln aus ihren Sommerfrischen zurück, viele vom Meer. Also geht es diesmal um die eine Woche im Juni, in der sich zigtausend Menschen aus der ganzen Welt am Mittelmeer getroffen haben, um über die Zukunft der Ozeane zu verhandeln. Es geht um die UN Ocean Conference in Nizza. Und wie ich dieses Unter-Gleichgesinnten-Sein erfahren habe, das ganz Besondere für mich, dort zu sein. Der sichtbare Text ist der persönliche, und wenn ihr den Verlinkungen folgt, bekommt ihr den Paralleltext mit all den Informationen, die ein üblicher Newsletter enthalten würde.

Vorneweg: Auch wenn, wie auf allen internationalen Tagungen angesichts des mit jeder versäumten Chance mehr drängenden Zustands der Welt, insbesondere der Weltmeere, auf der UNOC viel mehr hätte erreicht werden können, ist sehr viel erreicht worden. Mehr Länder haben sich für ein Moratorium gegen Tiefseebergbau ausgesprochen, inzwischen sind es 38. Mehr Länder haben das Ocean Treaty (aka BBNJ) ratifiziert, inzwischen fehlen nur noch fünf (darunter Deutschland), damit es weltweit in Kraft treten kann. Und übrigens dann auch für die gilt, die es nicht unterzeichnen. Der Elefant im Raum, der war auch in Nizza, of course. Es gibt endlich endlich endlich eine High Ambition Coalition for a Quiet Ocean.  Wir haben einen European Ocean Pact und 2027 werden wir einen Ocean Act haben, die nötige gesetzliche Regelung dazu. Und wir haben den Nice Ocean Action Plan mit der dringlichen Warnung: “Action is not advancing at the speed or scale required to meet Goal 14 and realize the 2030 Agenda [for Sustainable Development]”. Mit das Wichtigste sind allerdings die unendlich vielen neuen Arbeitskontakte und Freundschaften, die so nie zustande gekommen wären. Die Begeisterung zu erleben, die Stärke, die wir gespürt haben, weil wir so viele waren.

Menschen haben alles in Bewegung gesetzt oder stehen und liegen gelassen, um nach Nizza zu kommen, wie der Londoner Autor, mit dem ich morgens im Hostel Tisch an Tisch gearbeitet habe, der, nachdem er die Bottom Trawling Aufnahmen in Attenborough's Film  Ocean gesehen hatte, in den nächsten Flieger gestiegen war, weil ihn nichts mehr in London hielt, und in Nizza nun sein Schreiben uns Akkreditierten pro bono zur Verfügung stellte.

Apropos Flieger, ich weiß, viele fragten sich: Was macht das für einen Sinn, wenn Zigtausende aus der ganzen Welt nach Nizza fliegen? Manch eine:r kam tatsächlich mit dem Zug, unter anderem ich, ein Abenteuer, 22 Stunden Zugfahrt, aber was macht das, wenn ich in meinem Abteil mit Mikrobiolog:innen, Schauspielern und Städteplanern Lösungen für die Lage der Ozeane beratschlagen kann, während hinter den Waggonfenstern die Sonne in Paris unter- und bei Marseille aufgeht.

In Nizza

Auf der einen Seite des Hafens lagen die UN Pavillons, in denen die Mitgliedsstaaten verhandelten, auf den Kais gegenüber waren die Schiffe vertäut, Forschungsschiffe, große Traditionssegler, kleine wie der Polynesische Katamaran, die Vaka Okeanos, auf denen die Side-Events stattfanden, mit direktem Blick aufs Meer.

Das Meer omnipräsent, selbst in der Straßenbahn gab es Walgeräusche, fanden hier gefühlt alle Side-Events mit Blick aufs Meer statt, auch die mitten in der Stadt, zu denen man zu Fuß durch die Gluthitze ging, durch eine Stadt, die sich mit großem Ernst auf Gluthitze vorbereitet, Schattenpflanzen anlegt, Gebäude abreißt, um Grünachsen zu bauen, Trinkwasserspender aufstellt, an denen immer Menschen standen, um in ihre mitgebrachten Wasserflaschen gekühltes Wasser abzufüllen. Und wir sind in Frankreich: bien sûr mit und ohne Kohlensäure.

Die Schiffe als Orte der Meetings, das hat den Begegnungen eine andere Tiefe gegeben, denn auch wenn sie am Hafenkai vertäut waren, war spürbar, wie sie alle Meere, über die sie je gefahren sind, in den Knochen haben, besonders die Meteor, die große alte Dame der deutschen Forschungsschiffflotte, die in Ruhestand geht. Alle, die auf Forschungsreisen mit ihr unterwegs gewesen waren, standen mit wehmütigem Blick an Deck oder verschwanden noch einmal in der Messe. Und mit unserem neuen Umweltminister an Deck oder im Bauch der Meteor zu sprechen, das war einfach ein guter Einstieg für die nächste Legislaturperiode. Ein Ort, an dem seine intrinsische Motivation – die wir dringend brauchen - zu spüren war in den international besetzen Panels und wir sie ihm abnahmen, bevor er sie selber aussprach.

Die alte Meteor ist auch für uns bei DEEPWAVE etwas ganz Besonderes. Und weil sich in der Mannschaft der Meteor herumgesprochen hatte, dass Onno (ich setze jetzt mal nicht mehr unser Gründer hinzu, inzwischen wisst ihr es) auf ihr viel unterwegs war, bekam ich eine Privatführung, um noch einmal all die Orte und Ecken zu sehen, an denen Onno nachts stand, um den Multicorer hochzuholen, die Messe, in der er nach der zigsten Schicht bei hohem Seegang seelenruhig seine Rühreier aß, während der Rest der Wissenschaftler:innen wohl eher beim Fische füttern war, die Bank, auf der die Crew in den wenigen ruhigen Pausen in der Abendsonne den fliegenden Fischen zusah.

Dieser Satz fiel mir ein, als ich mich gefragt habe, wann ich dieses Jahr am Meer war. Und wie es war, dort zu sein. Wie im Rausch. Und Rausch kommt von Rauschen.

Dieser Satz stand in der Einladung zur Abschiedsfeier für Onno Groß. Im November 2016. Die damals noch sehr kleine Tochter einer Freundin hatte ihn gesagt, als sie von unserem Unglück erfuhr, dass der große, fröhliche Onno, von dem sie wusste, wie sehr er die Meere liebte, nicht mehr wiederkommen würde.

Ich habe meine Söhne letztes Jahr, als es um die Akkreditierung für die UNOC ging, gefragt, ob ich hinfahren kann, weil wir am 12. Juni immer mit allen Freunden und Freundinnen den Geburtstag ihres Vaters feiern, der nicht mehr da ist. Natürlich durfte ich, was hätte es für eine bessere Gelegenheit geben können, als dort am Meer, auf dem Meer, mit dem Meer zu feiern, und allen, die mit ihm befreundet waren und aktiv im Meeresschutz sind.

In der Nacht zum 12. Juni, ihr erinnert euch vielleicht, gab es dieses Jahr einen großen Erdbeermond, der Vollmond im Juni heißt immer so, aber dieses Jahr war er erdbeerfarben. Und während ich in einer Bar bei den The Abyss Talks der TBA 21 Academy – wie konnte es anders sein - zum Thema Tiefseebergbau war (ja, es gab auch nachts noch Veranstaltungen), und ihr wisst ja, dass das Onnos lebenslanges Thema war, bekam ich aufs Handy ein Bild mit dem Erdbeermond über dem Strand

an dem die Kolleg:innen saßen, und wer uns kennt, weiß, dass wir immer mit Erdbeeren in aller Form Onnos Geburtstag feiern. Dieses Jahr also als Erdbeermond ... und am nächsten Morgen mit frischen Erdbeeren, ich hatte sogar Bio-Erdbeeren aufgetrieben, Kuchen war diesmal nicht, aber dafür Erdbeeren auf der Meteor und mit Antje Boetius. Mehr geht nicht, Onno.

Am Tag vorher war unser eigenes Side-Event. Auf der Vaka Okeanos. Wie es dazu kam?

Ich hatte mir keine Hoffnung gemacht, selber ein Side-Event ausrichten zu können, viel zu teuer, viel zu aufwendig, DEEPWAVE viel zu klein dazu, aber siehe da, es kam anders. Ich hatte ja genau wie jede andere Organisation, egal wie groß oder klein, für DEEPWAVE die Möglichkeit vier Menschen mit im Team mitzunehmen, also haben wir vier jungen Menschen, zwei Early Career Ocean Professionals und zwei Jugendreporterinnen aus dem Team der Okeanos – Stiftung für das Meer, die Gelegenheit gegeben, nach Nizza zu fahren. Und dann kam plötzlich die Frage auf, ob wir nicht ein Side-Event auf der Vaka Okeanos machen möchten, ja natürlich! Noch hatten wir keine Ahnung, wie aufwendig das werden würde, wie viele Mails wir dem französischen Hafenmeister schreiben würden („Es will noch unbedingt jemand vom Europäischen Parlament teilnehmen, bitte auf die Liste setzen!“), und das war gut so, dass wir das nicht vorher wussten, denn so konnte aus unserem Treffen so etwas wie eine Art Micro High Level Meeting werden, in Form eines Talanoa, eines polynesischen Rundgesprächs, in dem es ums Zuhören geht, ums wirklich Zuhören. Und es ging, was sonst, ums "Narrative Shifting in the Deep Sea Mining Debate: Why we don’t need the minerals of the deep". Die Vaka, dieser wunderbare polynesische Katamaran der Okeanos Stiftung, hat ihren Teil dazu beigetragen.

Wir saßen auf der Vaka, im kühlen Schatten unter dem Sonnensegel, über uns die die sengende Sonne, die Crew hatte eine Schale mit Früchten gereicht zur Erfrischung, ab und an war das leise Schwappen des Hafenwassers gegen die Rumpfwände des Katamarans zu hören, wir saßen auf Bänken im engen Kreis, manche von uns im Schneidersitz in der Mitte auf dem Boden, im Hintergrund am gegenüberliegenden Kai die großen Gebäude und Pavillons der UN-Konferenz, in denen andere Kolleg:innen zur gleichen Zeit an den Verhandlungen teilnahmen  ...  Eine Frau von den Cook Islands gesellte sich dazu und shiftete das Shiften. Wir hatten ihr zugehört und suchten nun nach Lösungen, wie wir unserer Verantwortung gerecht werden können, wir hier, für das was wir anrichten im Pazifik, in diesem weit entfernten Meer, das verbunden ist mit dem Wasser, dessen Schwappen wir hörten und dessen Geruch uns in der Nase lag ... Was wir angerichtet haben, was wir anrichten und was wir anrichten werden. ... Und manche … weinten.

Am Samstag nach der Tagung nahm uns die Vaka mit aufs Meer hinaus zu einer Segeltour, es war windstill, also setzten wir das Segel nur symbolisch und kurz. Aber weil es so windstill war, konnten wir ins Meer springen und unter dem Katamaran hindurchschwimmen. Mit Blick auf das weit entfernt im Dunst liegende Nizza mit den Pavillons, in denen jetzt tausend weiße Stühle, Kabel und Mikrofone abgebaut wurden, Koffer gepackt, Akten sortiert, Krawatten und Stöckelschuhe verbannt, durchgeatmet.

Und als wir wieder zurück kamen in den Hafen, hatte die Meteor die Leinen los gemacht, die Mannschaft hatte sich für die nächsten drei Monate verabschiedet von ihren Freunden und Freundinnen an Land, und wir sahen zu, wie sie majestätisch beidrehte auf dem Weg zu einer ihrer letzten großen Reisen.

Draußen auf dem Meer unter dem Sonnensegel war ich ins Gespräch gekommen mit einem Menschen, von dem sich herausstellte, dass es der Meeresbiologe Jannes Landschoff war aus dem Team von My Octopus Teacher. Umgeben vom strahlenden Blau (das übrigens, kein Scherz, die ganze Woche über gar nicht azurfarben war, sondern milchig weiß, die Brände in Kanada, vielleicht erinnert ihr euch) führten wir ein langes tiefes Gespräch über Kelp. Mein Lieblingsthema (wenn ich mal Luft brauche vom Tiefseebergbau.) Was Kelp Wunderbares ist und wie es die Welt retten würde, aber, auch hier gibt es ein Aber: Jannes hat mich eindrücklich ermahnt, im Auge zu behalten, dass es gefährliche Tendenzen gibt, auch auf der UNOC, Kelp zu industrialisieren … aber Stopp, anderes Thema, andermal.

Ich weiß nicht, wann ich zum ersten Mal von Kelp gehört habe, ich weiß nur dass ich, als Onno noch da war, jemanden gezeichnet habe, der in einem sonnendurchfluteten Kelpwald lebt ... Heute kommt es mir so vor, als ob er, dieser Wassermann, mit seinem ernsten stillen Blick in die Zukunft schaut. Die Zukunft liegt im Kelp, ja, und im Seegras und in den Mangroven und in den Korallen, die überleben werden, aber diese Zukunft wird es nur geben, wenn wir für sie sorgen. Und dieser stille Ernst war die ganzen Tage in Nizza zu spüren, hinter allem Rauschen, dem Rausch der Begegnungen, dem beflügelnden Glück, eine Woche unter Gleichgesinnten zu sein, eine ganze Stadt zu vereinnahmen mit dem Engagement für die Meere und ihren Schutz, selbst im Stolz der Polizisten, die aus ganz Frankreich herbeordert waren, war er zu spüren, im Stolz, diese Konferenz bewachen zu dürfen, und in manchem Blick der Touristen, für die der komplette Hafen diese ganze Woche gesperrt war, die das aber gelassen oder sogar neugierig hinnahmen, weil das Lachen ihrer Kinder sie daran erinnerte, dass wir für deren Zukunft da waren. Wir alle.

Diese Bilder, Stimmen, Gerüche und Geräusche, die Gespräche und Gedanken werden mich noch lange begleiten und durch all das tragen, was kommt,

Eure Anna Groß
CEO DEEPWAVE

EMPFEHLUNGEN

Hören

Empfehlungen aus der Meeresbubble bekommt ihr ja zu Genüge in euren anderen Newslettern, daher hier eine, die euer Leben verändern könnte, und diese Woche auch nur eine, weil ihr zwei Wochen brauchen werdet, um all das aufzunehmen, worum es in diesem Podcast geht:  Alles gesagt 7 Std. und 11 min mit Wim Wenders.

Schauen

Re: Ein Team, eine Mission, fünf Wochen im Atlantik Wenn ihr schon immer wissen wolltet, wie es ist, auf einem Forschungsschiff fünf Wochen draußen mitten auf dem Atlantik zu sein, dann bekommt ihr hier in dieser arte Doku an Bord der FS Meteor eine Ahnung davon.

Verstehen und Handeln

Unser KLARTEXT Meerespolitik ist unser Kernstück. In einem der nächsten Newsletter stellen wir ihn euch ausführlich vor, ihr könnt aber auch jetzt schon darin abtauchen. Wir freuen uns auf euer Feedback!

Lesen

Wale, Giganten der Meere von Amandine Delaunay. Ein großes, wunderschönes Bilderbuch. Für Menschen ab 8 Jahren, die alles wissen wollen und Fakten aufsaugen wie Bartenwale Plankton. Und ihre Eltern oder andere Erwachsene, die ihnen dabei staunend über die Schulter schauen und am liebsten in die Welt dieser Zeichnungen abtauchen möchten.

Spielen

Kunstformen der Natur Das Ernst-Haeckel-Memo-Spiel. Wenn ihr mit diesen Karten Memory spielt, werdet ihr wissen, warum Onno ein großer Fan von Ernst Haeckel war. Und ich es wurde, als ich ihn kennenlernte. Im dazugehörigen Booklet könnt ihr nachlesen, welche Staatsqualle, Seescheide, Nudibranchia oder Trichterkrake ihr erst beim siebten Mal Umdrehen wiedergefunden habt.

IN DEN NÄCHSTEN NEWSLETTERN
Filmfestival on Tour, KLARTEXT Meerespolitik, Meeresfibel 2. Auflage, PopUp zur DEEP SEA MINING - NEVER Kampagne, neue Website

Wenn ihr die ersten drei Ausgaben des Newsletters nachlesen möchtet, findet ihr sie hier.
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