Liebe Freund:innen der Meere, liebe Ozean-Enthusiast:innen, liebe Mitstreiter:innen,

herzlich willkommen in Ausgabe #5 unseres Newsletters, heute mit der großen Freude über den Historischen Moment für den Meeresschutz, der uns Freitagnacht mit der Meerescommunity in New York tanzen ließ, über Schlafmangel und über das, was uns alle hier in Deutschland und weltweit alles andere als tanzen lässt. Und wie wir aus diesem Tunnel wieder herauskommen.

Zuerst allerdings eine kleine Umfrage: Ursprünglich ist der Newsletter so geplant, dass er Samstag früh um 6 Uhr in eurem Postfach landet, damit ihr das ganze Wochenende Zeit habt, ihn in Ruhe zu lesen, aber wie ihr merkt, klappt das nie, weil das Leben dazwischenkommt oder eben tanzende Meeresschützer:innen. Daher die Frage an euch: Welche Zeit am Wochenende ist für euch die Beste? Wann habt ihr am meisten Zeit und Ruhe und Lust diesen Newsletter zu lesen? Schreibt mir gerne eure Präferenzen an anna.gross@deepwave.org

Nun, warum wurde Freitagnacht in New York getanzt? Am 19. September haben die letzten der 60 nötigen Staaten das High Seas Treaty (aka BBNJ Agreement) ratifiziert. Und das bedeutet, dass es in 120 Tagen ab Freitag in Kraft tritt. Über 20 Jahre lang haben wir, die im politischen Meeresschutz Aktiven, daran gearbeitet, dass dieser Tag möglich wird. Seit unserer Gründung 2003 haben wir bei DEEPWAVE uns immer und immer wieder dafür eingesetzt, dass das, was wir schon damals als Wild-West-Zustände deutlich benannt haben, endlich aufhört. Dass es endlich einen international gültigen rechtlichen Rahmen gibt, der es überhaupt erst ermöglicht, die Meere zu schützen. Denn der größte Teil unserer Ozeane – oder besser des einen Ozeans - ist die sogenannte Hohe See, das, was außerhalb der Jurisdiktion eines einzelnen Landes liegt. Und dieser Teil war immer ein rechtsfreier Raum. Und ist es noch bis zum 17. Januar 2026. Alle Bestrebungen und Vereinbarungen, 30 Prozent der Meere bis 2030 durch Meeresschutzgebiete zu schützen, waren genaugenommen bis Freitag das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.

Das Agreement under the United Nations Convention on the Law of the Sea on the Conservation and Sustainable Use of Marine Biological Diversity of Areas beyond National Jurisdiction wurde am 19. Juni 2023 in New York verabschiedet, von 145 Staaten unterzeichnet und Stand heute von 61 Staaten ratifiziert. Deutschland hat es schon am 23. September 2023 unterzeichnet, aber … noch nicht ratifiziert. Wir brauchen nämlich anders als manch andere Staaten ein eigenes Gesetz für die Umsetzung und das ist, wie sollte es anders sein, still in the making. Alles war vorbereitet und dann, ihr erinnert euch, brach mal eben unsere Regierung zusammen. Jetzt heißt es sich sputen, damit Deutschland als Ratifizierer an der ersten Vertragsstaatenkonferenz im Herbst 2026 teilnehmen und Grundsatzentscheidungen mittreffen kann.

Womit wir beim zweiten Thema dieses Newsletters wären: Schlafmangel. Die Verabschiedung des High Seas Treaty kam 2023 nur zustande, weil die Leitung der Verhandlungen, Rena Lee, sich, wie es damals hieß, geschworen hatte, den Saal nicht zu verlassen bevor der Hammer fallen würde.  Also haben die Verhandler:innen 36 Stunden verhandelt, sie haben zwischendurch Stühle auf den Gängen zusammengestellt, um auf ihnen im Schichtmodus zu schlafen (so wie man es auf Familienfeiern für die Kinder macht), alle haben durchgehalten, getragen von der Euphorie und dem Adrenalin der historischen Chance. Ein klarer Fall von Schlafmangel der guten Sorte. Schlafentzug kann allerdings, wie wir alle wissen, nicht nur euphorisierend wirken, er dämpft und macht schwermütig und überempfindlich. Eigene Erlebnisse und mitempfundene Ereignisse werden überdimensional heftig erlebt, emotionale Dimensionen verschieben sich und man gerät leichter in den Teufelskreis, nicht schlafen zu können, weil einen die Weltlage überfordert (wozu wir in diesen Tagen jeden Tag neue Anlässe bekommen), und sich der Weltlage hilflos ausgeliefert gegenüberzusehen, weil man nicht geschlafen hat. Und deshalb noch weniger schlafen zu können … Ich sehe euch nicken.

Schlafmangel macht unvorsichtig, Entscheidungen werden wie unter Alkohol getroffen, Ablehnungen und Zustimmungen werden impulsiver und vehementer. Wie viele Entscheidungen werden allein im Bundestag unter Schlafentzug getroffen, in einem Zustand, der 1,0 Promille entspricht?

Schlafentzug wirkt sich vor allem aber auf unsere Kapazitäten aus, sich zu engagieren. Schlafentzug macht müde, logisch, und müde habe ich keine Kraft mehr, mich zu engagieren. Übermüdet schaffe ich gerade noch das Nötigste. Übermüdet bleibe ich auf Social Media hängen. Übermüdet tue ich das, was ich gewöhnt bin. Übermüdet wage ich nichts Neues. Übermüdet habe ich keinen Mut. Übermüdet denke ich, es ist eh alles sinnlos. Übermüdet lasse ich mir mehr Angst machen. Übermüdet falle ich leichter auf manipulative Narrative herein.

Wo ist der Weg heraus aus diesem Tunnel?

Am Dienstag war ich in Berlin ...

Mut ist Angst plus ein Schritt.

Am Dienstag hatte die ZEIT zu ihrem ZEIT Wissen Kongress Mut zur Nachhaltigkeit eingeladen unter  dem Thema Klima. Macht. Politik. Globale Allianzen für Klimaschutz und Biodiversität.

Veranstaltungsort war das Silent Green im Berliner Wedding. Dieser besondere Ort steht für mich für die große, tiefgreifende Transformation, die vor uns liegt, und dafür, dass jede Form von Veränderung möglich ist. Ein Ort, der zum Denken und Austauschen einlädt, der vibriert vor Zukunftsfreude und ein merkwürdiges Gefühl von Geborgenheit bietet. Er war bis zum Jahr 2002 das Weddinger Krematorium.

Es gibt oberirdische Räume, allerdings waren wir diesmal unter der Erde, wo die Vergangenheit mehr zu spüren ist. Über eine große Rampe ging es hinab

in die Betonhalle, einer Art Bunker, und ein Redner konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen, dass wir jetzt nur diesen einen Nachmittag in diesem Bunker wären, wenn die da oben aber so weitermachten, könnte es sein, dass wir an solchen Orten länger unsere Zeit verbringen müssten oder überhaupt ganz. Ein kurzer gruseliger Moment. Hier waren 600 Leute versammelt, die alle wissen, was auf dem Spiel steht, die nichts verharmlosen und sich gerade deshalb beruflich dafür einsetzen, dass wir das Ruder noch rumreißen. Kluge Menschen, empathische Menschen, Menschen, die unglaublich gute Sachen erfinden. Menschen, die andere ermutigen und Antworten auf unangenehme Fragen suchen.

Maria Furtwängler hat eine Hammerrede gehalten und uns mit einem Zitat von Hans-Peter Dürr ins Nachdenken gebracht: „Wir müssen den Menschen nicht sagen, was sie zu tun haben. Sondern ihnen erlauben, sich daran zu erinnern, was sie schon wissen." [aus dem Kopf zitiert.] In fast jedem Vortrag ging es um das heftige, scheinbar unaufhaltsame Rollback, in dem wir uns befinden. Als ob wir nie nie nie irgendetwas erreicht hätten in den letzten Jahrzehnten. Die, die mit internationalen Prozessen zu tun haben, so wie wir, dachten im Stillen daran, wie die UN derzeit von innen und außen zermürbt und die EU Stück für Stück von rechts abgebaut wird. Um dann in Pitches großartige Projekte vorgestellt zu bekommen, die nur skaliert und umgesetzt werden müssten. Und das wär’s! Die aber keine Planungssicherheit mehr haben. Die blockiert werden. Diffamiert, bedroht, ausgebremst. Das war das besonders Verwirrende in diesen Stunden: unter Macher:innen zu sein, Mutigen, Erfinder:innen, Menschen, die das Wort Lösungen nicht als schickes Alibi benutzen, sondern die ihm ihre ganze Existenz widmen … und gerade hier die Ratlosigkeit zu spüren. Immer wieder fiel der Satz: Auch wenn wir nicht wissen, was wir (noch) bewirken können, geht es um die eine Frage:

Wer will ich gewesen sein?

Es ging nicht wie sooft um Preaching to the Choir, sondern darum, dass wir uns gegenseitig Projekte vorgestellt haben, die Lösungen bereitstellen, wo manche noch nicht einmal das Problem sehen. Um nur zwei zu nennen:
Kinder in der Erde wühlen, Gemüse anpflanzen und ernten lassen: Acker e.V. (Klingt idyllischer als es ist, wenn wir bedenken, dass es auch bei uns Kinder gibt, die noch nie ein frisches Gemüse auf dem Tisch hatten.) Wobei ich ergänzen möchte: Jedes Kind sollte mindestens einmal die Gelegenheit haben, umsonst ans Meer fahren zu können, auf eine Hallig oder an einen weiten, wilden Strand an der Nord- oder Ostsee, und dort zu sitzen und das Meer zu riechen und zu hören und zu spüren. Ich sehe die geradezu verwirrten Gesichter meiner süddeutschen Kommiliton:innen vor mir, als wir auf Studienfahrt in England am Meer entlang fuhren ... das nicht da war. Sie schauten auf die weite, bis zum Horizont reichende, nasse Fläche Sand und fragten: "Wo soll das Meer sein, das hier auf der Karte eingezeichnet ist?"  Sie wussten nicht, was Ebbe ist.
Ganzheitliches Batterierecycling: Cylib, die mit ihrer wasserbasierten Recyclingtechnologie aus verbrauchten Batterien das wieder herausholen, von dem es immer hieß: das geht nicht, das ist zu kompliziert. Und so in diesem Bereich eine wirklich zirkuläre Wirtschaft überhaupt erst ermöglichen. Was für uns bei DEEPWAVE besonders wichtig ist, weil es eine entscheidende Rolle spielt, um Rohstoffabhängigkeitsapologeten davon überzeugen zu können, dass Tiefseebergbau komplett überflüssig ist. (Siehe auch die Empfehlung für Nerds s.u.).

Moore vernässen, Seegras pflanzen, Kelp anbauen, Batterien recyceln, all das sind einzelne Inseln, die für uns in der Bubble selbstverständliche Rettungsinseln sind, aber um diese einzelnen Inseln steigt das Wasser unaufhaltsam, das Wasser des rückwärtsgewandten Nicht-wahr-haben-Wollens, was getan werden muss, damit dieser Planet … ihr könnt den Satz auswendig zuende schreiben: für unsere nachfolgenden Generationen bewohnbar bleibt.

Wie gehen wir um mit der Angst, dass wir es gegen dieses ansteigende Wasser nicht mehr schaffen?

Wenn es uns gelingt, diese Inseln zu verbinden, wenn wir von einer zur anderen laufen können, Pontons bauen, die sie verbinden, verhindern wir, dass sie untergehen. Indem wir ein riesengroßes Netz aus ihnen bilden, stärken wir jede einzelne Insel. Indem wir uns informieren und ein Projekt, dass für uns besonders vielversprechend wirkt, mag es noch so verrückt erscheinen, publik machen, unterstützen, mit was auch immer, anderen davon erzählen, Multiplikator:innen werden, uns die Hand reichen, was meist mit der Visitenkarte beginnt, und das Leise laut werden lassen, dem Unauffälligen zur Skalierung verhelfen, das scheinbar Unmögliche möglich machen. Wir, jeder und jede Einzelne von uns, werden gebraucht, um die Inseln miteinander zu verbinden.

Wenn wir lauter einzelne Zweige auf dem Wasser treiben lassen, saugen sie sich voll und gehen irgendwann unter. Wenn wir die Zweige und Gräser aber flechten, wird daraus ein Floß, das uns trägt.

Das Einzige, was verhindern kann, dass das funktioniert, ist die bange Frage, ob es das auch tun wird, uns tragen.  Die Zeit, die uns mit dieser Frage verloren geht, die ist das eigentlich Gefährdende.

Als ich Freitagnacht beim Schreiben ein noch deutlicheres Bild suchte für die Verbindung der einzelnen Inseln zu einem unsinkbaren Netz, fiel mir eine Erfahrung ein aus meinem früheren Berufsleben als Bildhauerin: 

Für einen großen Thron aus gebranntem Ton, auf dem mehrere Menschen sitzen können sollten, hatte ich mir eine ganz spezielle Technik zeigen lassen, die für genau diesen und nur diesen Ton geeignet war, nämlich mit Stroh gemagertem Ziegelton, und die es ermöglichte, durch die Verbindung einzelner (noch ungebrannter) Hohlziegel große stabile Konstruktionen zu bauen. Nach zwei Monaten Arbeit, als ich gerade den großen Oktopus formte, der auf einer Armlehne ruht, tauchte auf dem Hof, auf dem ich arbeitete, eine Keramikerin auf. Eine ausgebildete Fachfrau, die völlig entsetzt davon überzeugt war, dass diesen Thron keine Ziegelei der Welt in ihren Ofen lassen würde, weil er dort mit seinen Tausenden (extra eingearbeiteten) Luftkammern explodieren würde mitsamt dem Ofen. Tagelang strich sie kopfschüttelnd um meinen Arbeitsplatz herum, während ich weiter Stück mit Stück verband, anfangs irritiert, dann stoisch mich weiter auf das verlassend, was mir beigebracht worden war von denen, die sich mit dem Ton dieser Gegend auskannten.

Das Ende der Geschichte ist, dass alle Teile, jedes Einzelne, sich miteinander verbunden haben, im (gigantischen) Brennofen zu einem verschmolzen sind, und selbstverständlich nichts explodierte, im Gegenteil: die unzähligen Luftkammern sorgen für Stabilität und Halt.

Und auf ihm, dem gebrannten Thron, sitzen nun seit 23 Jahren Menschen, Kinder klettern darauf herum, ganze Familien, Paare dösen in der Sonne, lesen, hören Musik, vespern, unverändert steht er da, in Regen, Sturm, Hagel und Schnee, bei Vollmond und Neumond, mit Grillenzirpen, huschenden Eidechsen und den Rufen der Mauersegler ...

Lasst uns Inseln verbinden,

Eure Anna Groß
CEO DEEPWAVE

EMPFEHLUNGEN

Hören

Was lauert in der Tiefsee, Antje Boetius? Die erste Folge der Podcasts Die großen Fragen der Wissenschaft. Auch wenn der Titel etwas zu reißerisch ist, egal, es lohnt sich immer, Antje Boetius zuzuhören.

Schauen

The Deep Sea von Kurzgesagt - In a Nutshell. Für alle Fans der Kurzgesagt-Videos hier das zur Tiefsee.

10 minutes of fascinating deep-sea animals | Into The Deep vom Monterey Bay Aquarium Research Institute. 10 Minuten eintauchen in die Welt der Tiefseelebewesen. Dass es dort den wunderschönen Sea Angel gibt, wussten wir schon, aber dass es ihn auch in einer Panda-Version gibt, noch nicht.

Lesen

Diesmal was für Deep Sea Mining Nerds und Rohstoffabhängigkeitsaugenwischereidebattenfreaks:
If the US Really Wants to “Break China’s Control” on Critical Minerals, $TMC Won’t Be of Any Use

Machen

Abpflastern Unter dem Pflaster liegt der Strand. Auch wenn hier in der Stadt kein Strand unter den Gehwegplatten zum Vorschein kommt (und die abgehobenen Platten nicht mehr zum Werfen verwendet werden sollten), könnt ihr doch dazu beitragen, dass etwas mehr lebendiges Grün zwischen Fugen und Wänden unsere Insekten und Gemüter nährt.

Spielen

Terraforming Mars In diesem strategischen Brettspiel geht es darum, den Mars bewohnbar zu machen, Erderwärmung andersrum: Alles was wir hier auf der Erde tunlichst überhaupt nicht tun sollten, bringt fette Punkte. Wir lernen die ausgefuchstesten Techniken kennen, wie wir einen Planeten so schnell wie möglich erhitzen und in einer komplett lebensfeindlichen Umgebung uns empfindliche Menschen am Überleben halten. Und wir üben ausgebufften Lobbyismus.

In den nächsten Logbucheintragungen geht es um  
unser Filmfestival on Tour, unser Ocean Governance Tool KLARTEXT Meerespolitik, die Meeresfibel, die in die 2. Auflage geht, das PopUp zur DEEP SEA MINING - NEVER Kampagne und die neue Website.

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