Maria Furtwängler hat eine Hammerrede gehalten und uns mit einem Zitat von Hans-Peter Dürr ins Nachdenken gebracht: „Wir müssen den Menschen nicht sagen, was sie zu tun haben. Sondern ihnen erlauben, sich daran zu erinnern, was sie schon wissen." [aus dem Kopf zitiert.] In fast jedem Vortrag ging es um das heftige, scheinbar unaufhaltsame Rollback, in dem wir uns befinden. Als ob wir nie nie nie irgendetwas erreicht hätten in den letzten Jahrzehnten. Die, die mit internationalen Prozessen zu tun haben, so wie wir, dachten im Stillen daran, wie die UN derzeit von innen und außen zermürbt und die EU Stück für Stück von rechts abgebaut wird. Um dann in Pitches großartige Projekte vorgestellt zu bekommen, die nur skaliert und umgesetzt werden müssten. Und das wär’s! Die aber keine Planungssicherheit mehr haben. Die blockiert werden. Diffamiert, bedroht, ausgebremst. Das war das besonders Verwirrende in diesen Stunden: unter Macher:innen zu sein, Mutigen, Erfinder:innen, Menschen, die das Wort Lösungen nicht als schickes Alibi benutzen, sondern die ihm ihre ganze Existenz widmen … und gerade hier die Ratlosigkeit zu spüren. Immer wieder fiel der Satz: Auch wenn wir nicht wissen, was wir (noch) bewirken können, geht es um die eine Frage:
Wer will ich gewesen sein?
Es ging nicht wie sooft um Preaching to the Choir, sondern darum, dass wir uns gegenseitig Projekte vorgestellt haben, die Lösungen bereitstellen, wo manche noch nicht einmal das Problem sehen. Um nur zwei zu nennen:
Kinder in der Erde wühlen, Gemüse anpflanzen und ernten lassen: Acker e.V. (Klingt idyllischer als es ist, wenn wir bedenken, dass es auch bei uns Kinder gibt, die noch nie ein frisches Gemüse auf dem Tisch hatten.) Wobei ich ergänzen möchte: Jedes Kind sollte mindestens einmal die Gelegenheit haben, umsonst ans Meer fahren zu können, auf eine Hallig oder an einen weiten, wilden Strand an der Nord- oder Ostsee, und dort zu sitzen und das Meer zu riechen und zu hören und zu spüren. Ich sehe die geradezu verwirrten Gesichter meiner süddeutschen Kommiliton:innen vor mir, als wir auf Studienfahrt in England am Meer entlang fuhren ... das nicht da war. Sie schauten auf die weite, bis zum Horizont reichende, nasse Fläche Sand und fragten: "Wo soll das Meer sein, das hier auf der Karte eingezeichnet ist?" Sie wussten nicht, was Ebbe ist.
Ganzheitliches Batterierecycling: Cylib, die mit ihrer wasserbasierten Recyclingtechnologie aus verbrauchten Batterien das wieder herausholen, von dem es immer hieß: das geht nicht, das ist zu kompliziert. Und so in diesem Bereich eine wirklich zirkuläre Wirtschaft überhaupt erst ermöglichen. Was für uns bei DEEPWAVE besonders wichtig ist, weil es eine entscheidende Rolle spielt, um Rohstoffabhängigkeitsapologeten davon überzeugen zu können, dass Tiefseebergbau komplett überflüssig ist. (Siehe auch die Empfehlung für Nerds s.u.).
Moore vernässen, Seegras pflanzen, Kelp anbauen, Batterien recyceln, all das sind einzelne Inseln, die für uns in der Bubble selbstverständliche Rettungsinseln sind, aber um diese einzelnen Inseln steigt das Wasser unaufhaltsam, das Wasser des rückwärtsgewandten Nicht-wahr-haben-Wollens, was getan werden muss, damit dieser Planet … ihr könnt den Satz auswendig zuende schreiben: für unsere nachfolgenden Generationen bewohnbar bleibt.
Wie gehen wir um mit der Angst, dass wir es gegen dieses ansteigende Wasser nicht mehr schaffen?
Wenn es uns gelingt, diese Inseln zu verbinden, wenn wir von einer zur anderen laufen können, Pontons bauen, die sie verbinden, verhindern wir, dass sie untergehen. Indem wir ein riesengroßes Netz aus ihnen bilden, stärken wir jede einzelne Insel. Indem wir uns informieren und ein Projekt, dass für uns besonders vielversprechend wirkt, mag es noch so verrückt erscheinen, publik machen, unterstützen, mit was auch immer, anderen davon erzählen, Multiplikator:innen werden, uns die Hand reichen, was meist mit der Visitenkarte beginnt, und das Leise laut werden lassen, dem Unauffälligen zur Skalierung verhelfen, das scheinbar Unmögliche möglich machen. Wir, jeder und jede Einzelne von uns, werden gebraucht, um die Inseln miteinander zu verbinden.
Wenn wir lauter einzelne Zweige auf dem Wasser treiben lassen, saugen sie sich voll und gehen irgendwann unter. Wenn wir die Zweige und Gräser aber flechten, wird daraus ein Floß, das uns trägt.
Das Einzige, was verhindern kann, dass das funktioniert, ist die bange Frage, ob es das auch tun wird, uns tragen. Die Zeit, die uns mit dieser Frage verloren geht, die ist das eigentlich Gefährdende.
Als ich Freitagnacht beim Schreiben ein noch deutlicheres Bild suchte für die Verbindung der einzelnen Inseln zu einem unsinkbaren Netz, fiel mir eine Erfahrung ein aus meinem früheren Berufsleben als Bildhauerin:
Für einen großen Thron aus gebranntem Ton, auf dem mehrere Menschen sitzen können sollten, hatte ich mir eine ganz spezielle Technik zeigen lassen, die für genau diesen und nur diesen Ton geeignet war, nämlich mit Stroh gemagertem Ziegelton, und die es ermöglichte, durch die Verbindung einzelner (noch ungebrannter) Hohlziegel große stabile Konstruktionen zu bauen. Nach zwei Monaten Arbeit, als ich gerade den großen Oktopus formte, der auf einer Armlehne ruht, tauchte auf dem Hof, auf dem ich arbeitete, eine Keramikerin auf. Eine ausgebildete Fachfrau, die völlig entsetzt davon überzeugt war, dass diesen Thron keine Ziegelei der Welt in ihren Ofen lassen würde, weil er dort mit seinen Tausenden (extra eingearbeiteten) Luftkammern explodieren würde mitsamt dem Ofen. Tagelang strich sie kopfschüttelnd um meinen Arbeitsplatz herum, während ich weiter Stück mit Stück verband, anfangs irritiert, dann stoisch mich weiter auf das verlassend, was mir beigebracht worden war von denen, die sich mit dem Ton dieser Gegend auskannten.
Das Ende der Geschichte ist, dass alle Teile, jedes Einzelne, sich miteinander verbunden haben, im (gigantischen) Brennofen zu einem verschmolzen sind, und selbstverständlich nichts explodierte, im Gegenteil: die unzähligen Luftkammern sorgen für Stabilität und Halt.
Und auf ihm, dem gebrannten Thron, sitzen nun seit 23 Jahren Menschen, Kinder klettern darauf herum, ganze Familien, Paare dösen in der Sonne, lesen, hören Musik, vespern, unverändert steht er da, in Regen, Sturm, Hagel und Schnee, bei Vollmond und Neumond, mit Grillenzirpen, huschenden Eidechsen und den Rufen der Mauersegler ...
Lasst uns Inseln verbinden,