So geht es seit spätestens seit Februar, seit den berühmt berüchtigten „551 Fragen“. Dazu der wie immer sehr sehr lesenswerte Newsletter der Superredaktion Wie du der Zukunft jetzt den Rücken stärkst.
Was heißt es, dass wir eine NGO sind und was bedeutet es, für eine solche zu arbeiten? Fangen wir ganz von vorne und persönlich an: Erinnert ihr euch noch, was ihr werden wolltet, als ihr klein wart? Ich wollte Bildhauerin werden, keine Ahnung warum, so wie die Jungs in meinem Umfeld Lokomotivführer werden wollten. Und als ich es dann mit einigen Umwegen über Philosophie, Theater und Film geworden bin, habe ich meinen Job geliebt und war stolz es zu sein. So wie auch heute Lokomotivführer es trotz allem noch sind. Und dann kam der Bus und alles war von einer Sekunde auf die andere anders. Weil DEEPWAVE gebraucht wurde, haben wir uns entschieden, dass ich die Leitung dieser NGO übernehme und seitdem bin ich jeden Tag froh und dankbar, für eine NGO zu arbeiten. Und mit den NGOs zusammenarbeiten zu können, mit denen wir zusammenarbeiten.
Ich musste zugegebenermaßen genau wie manche von euch erst einmal recherchieren, was das ist, eine NGO. Ihr werdet das Wort noch nie so oft gehört haben wie in den letzten Tagen und Wochen.
Wie schwierig und komplex das ist und wie (auf)klärungsbedürftig teilweise selbst gestandene Journalist:innen sind, könnt ihr bestens in der Folge Kampagne gegen NGOs des ZEIT Podcasts Auch das noch? nachhören. Demokratie ist nicht einfach, funktionierende Demokratie noch weniger einfach, eine gefährdete Demokratie zu stärken, noch viel weniger einfach. Aber was uns NGOs angeht, ist es eigentlich ganz einfach: NGOs, Non-Governmental Organizations (zu Deutsch NROs, Nichtregierungsorganisationen) sind das notwendige Korrektiv der Politik. Das ist unsere Aufgabe in einer Demokratie, nicht mehr und nicht weniger. Punkt. Wir brauchen Institutionen, Organisationen, und Verbände, die sich um das kümmern, worum sich die Politik zunehmend einen Deubel schert.
Es liegt auf der Hand, dass das denjenigen, die ein anderes Demokratieverständnis haben als das, was wir für erstrebenswert (nicht zu verwechseln mit umgesetzt) halten, ein Dorn im Auge ist. Warum allerdings der Schutz unserer Lebensgrundlagen mit unter die Räder kommt, ist nicht nur mir schleierhaft.
Wie weit wir schon sind, wurde mir deutlich, als mein Sohn letzten Samstag vom Gemeinschaftsdienst im Schrebergarten zurückkam, unsere Kolonie ist offen, empathisch, unterstützend, friedlich. Jedoch beim gemeinsamen Harken kofferte sein Gegenüber, erbost und aufgebracht und nichtsahnend wofür wir arbeiten, über „diese NGOs“.
Was geschieht hier gerade? Mir kam der Satz in den Sinn: "Ist das Kunst - oder kann das weg?" Die Beuys'sche Skulptur, die berühmte Fettecke, dieses dreckige, fettige Ding da oben an der Decke, das der Hausmeister feinsäuberlich entsorgte, weil er anscheinend nicht wusste, was das ist und wohlmeinend seinen Job tat. (Was man heute nicht gerade behaupten kann von denen, die das Entsorgen von Dingen, Zusammenhängen und ganzen Kulturen betreiben ... ) Beuys beabsichtigte etwas Bestimmtes mit seiner Sozialen Skulptur, es ging nicht um den Fettfleck als solchen an der Ecke. Und genau das ist das, was heute entsorgt werden soll. In gewissem Sinne sind wir die Soziale Skulptur, die fettige Ecke, die stört, die an etwas erinnert, an das nicht erinnert werden will. In unserem Fall: wie es den Meeren geht und dass wir alle eine Verantwortung haben, den Meeren gegenüber und allen zukünftigen Generationen gegenüber. Wir erinnern an das, was wir nur gemeinsam können, ohne Grenzen und Ausgrenzung. Wir erinnern daran, dass das Meer keine Grenzen kennt und dass wir das, was wir angerichtet haben in grenzenlosem Größenwahn, nur in Grenzen überwindendem Einsatz wieder richten können. Das ist unbequem, das will nicht gehört werden, das will nicht umgesetzt werden, weil es dann vielen, eigentlich allen – wohlgemerkt von den Wenigen, denen die Welt gehört, und gerade nicht den Hausmeistern - ans Eingemachte ginge. Ihre Perspektive hat die Treibhauspost in einer grandiosen Satire eingenommen. Lest und staunt, wie viel sich durch diese Umkehrung des Blickes verstehen und aufzeigen lässt. Wer Wut im Bauch ein unangenehmes Gefühl findet, sollte allerdings von der Lektüre absehen.
Aus "Ist das Kunst - oder kann das weg?" wird "Ist Kunst. Kann weg." Den NGOs geht es wie der Kunst während der Pandemie. Es wird vergessen, wie essentiell sie für unsere Gesellschaft sind. Moore, Rebhühner und Seegras? Kann man weglassen, wenn es um die "richtigen" Probleme dieser Gesellschaft geht. Sowas wie Krieg. Oder Wirtschaft. Und dann kommt man auf die Idee , so etwas wie das Verbandsklagerecht (was entscheidend für das Funktionieren unserer Demokratie ist, dazu später mehr in einem anderen Newsletter) abschaffen zu wollen, weil es gewissen Politiker:innen lästig wird. Denen bestimmte Prozesse dieser Demokratie lästig werden.
Die simpelste Methode, etwas zu sabotieren, das einem ein Dorn im Auge ist, ist die Finanzierung zu sabotieren. Welche NGO nimmt Geld vom Staat und wofür und wieviel? (Lautstarkes Räuspern in der Redaktion: Wer in diesem Staat in wesentlich größerem Umfang Geld vom Staat nimmt, hört ihr ebenfalls im ZEIT Podcast). Wir sind fein raus, wir nehmen keins. Wie wir uns stattdessen finanzieren, lest ihr im Abschnitt „Wie ihr uns unterstützen könnt“. Spoiler: Ihr seid unsere Unabhängigkeit.
Wie hieß es so schön in der Einladung zur letzten Mitgliederversammlung:
Aber ihr kennt uns, wir geben nicht auf, im Gegenteil: Wir, eure NGO, euer Verein, dessen Mitglieder ihr seid, setzen uns mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln, Kapazitäten, Kooperationen, Ideen dafür ein, dass wir, unsere Demokratie und die Zukunft unserer, und das heißt ALLER Kinder auf diesem Planeten nicht denen zum Fraß vorgeworfen werden, die es darauf absehen.