Liebe Freund:innen der Meere, liebe Ozean-Enthusiast:innen, liebe Mitstreiter:innen,

herzlich willkommen im ersten Logbucheintrag des Jahres #12 Im Schnee. Wir wünschen euch ein frohes neues Jahr und hoffen, ihr seid gut rübergekommen und könnt erholt und voller Elan in all das starten, was jetzt vor uns liegt. Die Zeiten werden nicht einfacher, ganz und gar nicht. Wir bei DEEPWAVE haben die in Stille gehüllten Tage zwischen den Jahren genutzt, um mit einem ruhigen Blick herauszufinden, welche Konsequenzen wir daraus ziehen, dass unsere eigentliche Arbeit immer mehr erschwert und ausgebremst wird. Die Gründe sind die gleichen, die ich im Logbucheintrag # 8 ausführlich dargelegt habe, das Tempo hat angezogen, die angewandten Methoden zeigen erste Früchte, so wie das mit Ansage produzierte Chaos in der Welt täglich steigt und unsere Aufmerksamkeit frisst wie ein ausgehungertes Bakterium. 

In den Räumen, die noch übrig sind, versuchen wir zu zeigen, was Gutes geschieht. Und dadurch diese Räume auszuweiten. Was das betrifft, war Samstag, der 17. Januar 2026, ein historischer Tag. Wir haben es geschafft. Jahrzehntelang haben wir darum gerungen, dass die Hohe See geschützt werden kann (mehr Hintergründe im Logbuch #5). Samstag ist das High Seas Treaty in Kraft getreten.

Der Prozess der Umsetzung wird schwierig, es fehlen noch Ratifizierungen (die Deutschen sind durch den Regierungskollaps mit ihrer ins Stolpern geraten und erst kurz davor), es wird nur für die Staaten gelten, die ratifiziert haben, und so weiter und sofort. Aber: Feiern wir diesen historischen Moment!

Seit Samstag gibt es den rechtlichen Rahmen, um auf der Hohen See Meeresschutzgebiete einzurichten.

Ja, erst seit Samstag. Vorher gab es ihn nicht. Jetzt gibt es ihn.

Parallelwelten. Früher, als ich noch nicht diesen Job hier hatte, konnte ich die Weltpolitik und die Politik meines Landes aus sicherer Distanz beobachten, und wenn sich Ungerechtigkeiten und Absurditäten zu sehr aufeinander türmten und mir alles zu viel wurde, konnte ich mich zurückziehen, Pausen machen, mich auf meine eigenen Wirkungsfelder fokussieren und das Handeln denen überlassen, an die durch die Wahlen die Verantwortung delegiert worden war. Ohne größere weitere Katastrophen fürchten zu müssen. Irgendwie lief das mehr oder weniger. Klar, mit der Betonung auf weniger. Jetzt ist es mein Job, zu versuchen zu verstehen, was in der Welt passiert, mehr zu sehen als das, was augenscheinlich zu sehen ist, das, was vereinfachend und allzu oft manipulativ kommuniziert wird, zu hinterfragen und die Stellen zu finden, an denen wir als Meeresschutzorganisation handeln können, eingreifen, aufklären, unterstützen.

Denn alles, was national und international gerade passiert, hat mehr oder weniger direkt mit den Meeren zu tun. Keine der noch so kleinsten Veränderungen kann ohne politische Entscheidungen stattfinden. Und die großen Veränderungen, die, von denen die meisten glauben, sie seien so groß, dass sie nichts mit Naturschutz zu tun hätten, die haben gerade am meisten mit Naturschutz zu tun. Kriege, Volkswirtschaften, geopolitische Pokerspiele.

Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals wieder so sehr bei null anfangen muss. Dass ich wieder und wieder erklären muss, dass Naturschutz, also in unserem Falle Meeresschutz, nicht etwas ist, womit irgendwelche Ökospinner ihre Zeit totschlagen anstatt zur Steigerung des Bruttosozialproduktes beizutragen, die störende Seegräser schützen oder Plankton beforschen oder sich für Walkacke interessieren.

Sondern dass ich erklären muss, dass es um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen geht. Also etwas dass uns alle betrifft. Jedes einzelne Plankton mehr oder weniger betrifft uns. Wenn ich etwas von Onno, der über Tiefseeforaminiferen promoviert hat, gelernt habe, dann das. Nicht nur die Ehrfurcht vor dem kleinsten Lebewesen, sondern die Verantwortung für den Zusammenhang.

Das Dumme an diesen Sätzen "für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen"  ist, dass wir sie sooft gehört haben, dass wir sie nicht mehr hören. Sie nicht mehr verstehen. Wenn wir sie wieder oder überhaupt an uns heranlassen würden, dann wäre es leichter Lösungen zu finden. Und leichter, diese Lösungen umzusetzen. Gegen allen Widerstand derjenigen, die diese Sätze nicht an sich heranlassen.

Ich werde nie vergessen, wie uns ein Kind fragte: "Aber wenn gerade ein großes Kriegsschiff im Schwarzen Meer versenkt wurde, warum nützt es dann etwas, wenn ich meinen Joghurtbecher in die Wertstofftonne bringe?"

Das sind die Fragen, auf die wir, wenn wir die Sprache wiedergefunden haben, jeden Tag neu Antworten suchen und geben müssen.

In dieser einen Frage steckt alles drin. Im Moment spüre ich dabei hauptsächlich den Schmerz darüber, was wir diesen Kindern zumuten, die diese Fragen sich und uns stellen. Und den Schmerz darüber, was wir den jungen Erwachsenen für eine Zukunft zumuten, deren Fragen zurecht härter und wütender sind.

Es ist unsere Aufgabe bei DEEPWAVE diejenigen, denen diese Fragen gestellt werden, dabei zu unterstützen, Antworten zu geben.

Wir tun das auf den verschiedensten Ebenen: Für Kinder mit unserer Meeresfibel und der App dazu, mit unserer Website, unseren Filmfestivals , unseren Bücherempfehlungen (eine der beliebtesten Seiten unserer Website), für die, die sich mit Geopolitik und marinen Ressourcen befassen, mit unserer NO DEEP SEA MINING - NEVER Kampagne und für alle Politiknerds mit dem KLARTEXT.

Wobei das Spannende ist, dass sich die Zielgruppen gerne vertauschen: die, die Ocean Governance studieren, spielen die App, Schüler:innen schreiben uns, dass sie auf unserer Website in den wissenschaftlichen Artikeln endlich alle Fragen beantwortet finden, die ihnen sonst niemand beantwortet, Aktivist:innen und Völkerrechtler gehen ins Kino, der Paketbote verschenkt unsere PopUp Karte gegen den Tiefseebergbau seinen Enkeln.

Parallelwelten: Jeden Morgen aufwachen und sich fragen: Was hat der Mann mit der toten Katze auf dem Kopf, wie er in Italien genannt wird (quello con il gatto morto in testa), über Nacht wieder angerichtet, was ist in Europa gestern schon wieder rückwärts abgewickelt worden, was eigentlich für den Schutz der Meere und des Planeten gedacht war. Was wird bei uns hier im Bundestag diese Woche in die völlig falsche Richtung beschleunigt. Wo überall wird Zerstörung als Lösung angepriesen und die konstruktive Lösung ausgebremst und diffamiert.

Aber Halt, es gibt eine andere Welt, schauen wir uns um: Zu allem, was unseren Negativity Bias aufs Beste bedient, gibt es eine andere Sichtweise. Andere Daten, Perspektiven, Einordnungen. Nur die müssen wir uns suchen. Unsere Medien funktionieren (noch) so, dass genau diese Sichtweisen ausgeblendet werden. Es hilft, den konstruktiven Journalist:innen zu folgen, die zum Glück immer mehr werden. Und stur und grandios durchhalten wie z.B. die Redaktionen von atmo, Perspective Daily, der Superredaktion und natürlich der Urmutter Fix The News.

Konstruktiver Journalismus ist nicht Einlullen, sondern Begründeter Optimismus.

Es gibt Wellen in Newslettern, wie ich feststellen konnte: Zwischen den Jahren ging es in fast allen Newslettern, die ich abonniert habe, um Zuversicht. Utopien wurden ausgerollt wie rote Teppiche, auf denen man freudig und zuversichtlich und vor Vorfreude strotzend in das Jahr 2026 schreiten konnte. Als ob die Agenturen sich abgesprochen hätten: Zuversicht braucht es, sonst halten wir nicht durch: Und ja es war schön, so wohlig eingepackt ins neue Jahr hinüber zu wandeln.

Oder zu gleiten wie auf einem dieser Laufbänder, auf denen man nichts tun muss und auf denen man seinem Ziel wie von selbst entgegenrollt. Aber. Jetzt komme ich ganz untypisch mit dem ABER.

Für mich fühlte sich das irgendwann an wie Pfeifen im Wald. Falls jemand die Formulierung nicht kennt: Mit Pfeifen im Wald ist gemeint, dass man, wenn man mitten in einem dunklen Wald ist und es einem Angst und Bange wird, anfängt zu pfeifen, um sich selbst Mut zu machen. Das Gute daran ist: es funktioniert. So kommt man durch den Wald ohne rückwärts wieder rauszurennen, weil die Angst einen überrollt, und vielleicht sogar trifft man auf jemand anderen, man hört ein Pfeifen von noch jemandem, der oder die auch im Wald pfeift, und vielleicht sind wir dann am Ende so viele, die sich durch das Pfeifen finden, dass wir nicht nur gut durch den dunklen Wald kommen, sondern vor allen Dingen dafür sorgen, dass es in ihm heller wird.

Die guten Nachrichten müssen wir suchen. Wir müssen uns dazu aufraffen, aber hey, wie viel anstrengender ist es, mit den dystopischen unseren Tag zu verbringen. Und wenn wir die guten Nachrichten wirklich an uns heranlassen, wenn wir sie wirklich verstehen und wirken lassen, auch wenn sie uns auf den ersten Blick völlig absurd vorkommen – wie zum Beispiel die Zuwachsraten an Erneuerbaren in China – wenn wir spüren, was es bedeutet, dass selbst in den USA die Erneuerbaren nicht aufzuhalten sind und so vielleicht tatsächlich die zunehmende Ozeanversauerung nicht mehr ein unabwendbares Schicksal ist, zu dem wir uns selbst verdammt haben, dann schreckt und paralysiert uns alles andere nicht mehr so.  Wir halten die üblichen Fehlerberichte der Nachrichten aus, weil wir wissen, es gibt einen anderen Zugang zur Welt, einen, in dem Hope is a verb, ein Tu-Wort, wie es im Deutschen so schön heißt.

Es gibt viele Wege zu diesem anderen Zugang zur Welt, eins ist das gerade erschienene Buch von Andy Min and Thomas Sullivan: WE LOVE YOU An Optimistic Guide to Life on a Rock Floating Through Space  

Die Schönheit der Welt …

Ein anderer Weg war es, durch den knietiefen Neuschnee zu stapfen, der Hamburg tagelang den Atem anhielten ließ.

Ich weiß, auch hier Parallelwelten: Was hier wie ein Wunder aussieht, ist in den Bergen kein Spaß, sondern harte Arbeit, da wo der Schnee nicht geschippt werden kann, sondern mit der Fräse morgens das Haus wieder befreit werden muss, um es verlassen zu können. Und niemand, wenn nicht unablässig die großen Fräsen den Pass freihalten würden, etwas zu essen besorgen könnte im Nachbartal, geschweige denn zur Schule, zur Arbeit, zum Arzt käme. Ich kenne das, mein Großvater hat hoch oben in den Bergen für seine Student:innen ein Haus gebaut, das jetzt einer Stiftung gehört, und in das wir uns schon oft zum Arbeiten zurückgezogen haben. Der Hang neben dem Haus zum Tal hin wird Fuchshang genannt, weil man dort jeden Morgen seine Spuren im Schnee sieht. Füchse gibt es auch hier, wo unser Büro ist. Wir hätten uns nicht gewundert, wenn einer von ihnen über uns wachte wie Tomte Tummetott in Astrid Lindgrens Buch und wir morgens seine Spuren im Schnee entdeckten. Wie bei Tomte hatten wir die hellste Vollmondnacht, an die ich mich in Hamburg erinnern kann. Und jeden Morgen, wenn ich aus dem Fenster schaute, dachte ich: Wo bin ich? In den Bergen? Alles ist langsamer stiller heller, als ob die Welt einem einen Raum baut zum Innehalten und Nachdenken. Der Schnee verändert die Menschen. Wenn man im Alstertal spazieren geht, begleiten einen die jauchzenden Stimmen der Kinder, die jede kleinste abschüssige Stelle zum Rodeln nutzen. Erwachsene mit roten Backen lachen sich zu und ziehen ihre Kinder auf Schlitten zur Schule. Auf dem großen Ohlsdorfer Friedhof stapfen wir vor Staunen schweigend durch den unberührten tiefen Neuschnee, über uns die hohen, sich unter ihren Schneepolstern biegenden Bäumen. Die auf uns herabschauen, Besucher in ihrer Welt.

Gast sein.

Luisa Neubauer beschreibt wunderbar anschaulich (ab min 23 im Webinar u.a. mit Antje Boetius), wie es sich anfühlt Gast zu sein auf diesem Planeten, wenn man die berüchtigte Drake Passage durchsegelt hat und die Antarktis einen empfängt: "Wir dürfen mal gucken."

Sie macht nämlich gerade das Beste, was man gerade machen kann. Während wir anderen uns mit Politiker:innen, die sich in der Meisterschaft des dreifachen Flickflacks rückwärts üben, herumschlagen müssen, segelt sie in die Antarktis. Gut, das kann jetzt nicht jede:r.  Nicht jede:r kann auf der Malizia, dem Forschungssegler von Boris Herrmann (bei dessen Vorstellung auf der Nationalen Meereskonferenz in Berlin wir dabei waren), in die Antarktis segeln. Aber sie tut das auch nicht alleine: Sie nimmt Tausende von Schulkindern mit in ihrem Globalen Klassenzimmer, um Antworten zu geben auf die Frage, wie wir uns der Welt zuwenden, statt uns von ihr abzuwenden, "… um zu zeigen, wie es aussieht, wenn man sich in die Welt verliebt und neben dem Schwierigen auch das Schöne sieht."

Ihre politische Mission ist es, die Meere anders und neu in unser Bewusstsein zu bringen. Dass sie so leicht aus unserem Blick rutschen,  liegt auch an den Landkarten. Allein das Wort Landkarte. Als ich einmal für eine Zeichnung als Vorlage eine Weltkarte mit der Antarktis drauf suchte, fiel mir auf, dass sie auf ganz vielen Karten einfach fehlt, weil sie so komisch verzerrt werden müsste, sie würde so ein breiter Lappen, der sich unten am Rand entlang zieht. Also lässt man sie, wenn man sie nicht braucht, lieber ganz weg. Ok, wir müssen etwas Dreidimensionales in etwas Zweidimensionales übersetzen und als Landlebewesen wählen wir dann die Verzerrung, die unserer Sicht am nächsten kommt. Allerdings kann man so sehr leicht übersehen, dass der Ozean einer ist. Die Landmassen sind nicht alle miteinander verbunden, die Meere schon.

Eigentlich müsste in jedem  Klassenzimmer die Spillhaus-Karte hängen.

Die, die wir für die Navigation unserer App gewählt haben:

Parallelwelten? Nein, eine.

Der Blick auf die Schönheit wird uns in 2026 leiten, die Fragen, die wir uns stellen, werden tiefer gehen. Oder wie unser Chairman Heye es formuliert:

Die Frage für 2026 ist nicht mehr Wie machen wir die Dinge?

Sondern Wo wollen wir hin?

Eure Anna Groß
CEO DEEPWAVE

EMPFEHLUNGEN

Hören

Schon mal was von nichtmagnetischen U-Boot-Küchen gehört? Elbvertiefung Podcast / Rüstungsindustrie in Hamburg: Wie Hamburg von der Zeitenwende profitiert

Schauen

Im oben genannten Webinar mit Luisa Neubauer stellt Antje Boetius das Antarctica InSync Projekt vor, ein globales wissenschaftliches Projekt, das die Forschung in der Antarktis und im Südlichen Ozean synchronisieren wird. Dringend nötig, um diese für uns und unseren Planeten so wichtige Region noch besser verstehen und schützen zu können.

Lesen

Einmal anderes herum: Habt ihr Bücherempfehlungen für unsere Bücherseite? Wenn ihr wollt, dass euer Lieblingsbuch auch andere lesen, dann schickt uns gerne eure ganz persönliche Rezension.

Spielen

In 50 Meerestieren um die Welt  Puzzeln, die zeitlose Zeit. Besonders, wenn man sie mit diesen wunderschön gezeichneten Meerestieren verbringen darf. Mit Erklärposter.

 

 

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