Parallelwelten: Jeden Morgen aufwachen und sich fragen: Was hat der Mann mit der toten Katze auf dem Kopf, wie er in Italien genannt wird (quello con il gatto morto in testa), über Nacht wieder angerichtet, was ist in Europa gestern schon wieder rückwärts abgewickelt worden, was eigentlich für den Schutz der Meere und des Planeten gedacht war. Was wird bei uns hier im Bundestag diese Woche in die völlig falsche Richtung beschleunigt. Wo überall wird Zerstörung als Lösung angepriesen und die konstruktive Lösung ausgebremst und diffamiert.
Aber Halt, es gibt eine andere Welt, schauen wir uns um: Zu allem, was unseren Negativity Bias aufs Beste bedient, gibt es eine andere Sichtweise. Andere Daten, Perspektiven, Einordnungen. Nur die müssen wir uns suchen. Unsere Medien funktionieren (noch) so, dass genau diese Sichtweisen ausgeblendet werden. Es hilft, den konstruktiven Journalist:innen zu folgen, die zum Glück immer mehr werden. Und stur und grandios durchhalten wie z.B. die Redaktionen von atmo, Perspective Daily, der Superredaktion und natürlich der Urmutter Fix The News.
Konstruktiver Journalismus ist nicht Einlullen, sondern Begründeter Optimismus.
Es gibt Wellen in Newslettern, wie ich feststellen konnte: Zwischen den Jahren ging es in fast allen Newslettern, die ich abonniert habe, um Zuversicht. Utopien wurden ausgerollt wie rote Teppiche, auf denen man freudig und zuversichtlich und vor Vorfreude strotzend in das Jahr 2026 schreiten konnte. Als ob die Agenturen sich abgesprochen hätten: Zuversicht braucht es, sonst halten wir nicht durch: Und ja es war schön, so wohlig eingepackt ins neue Jahr hinüber zu wandeln.
Oder zu gleiten wie auf einem dieser Laufbänder, auf denen man nichts tun muss und auf denen man seinem Ziel wie von selbst entgegenrollt. Aber. Jetzt komme ich ganz untypisch mit dem ABER.
Für mich fühlte sich das irgendwann an wie Pfeifen im Wald. Falls jemand die Formulierung nicht kennt: Mit Pfeifen im Wald ist gemeint, dass man, wenn man mitten in einem dunklen Wald ist und es einem Angst und Bange wird, anfängt zu pfeifen, um sich selbst Mut zu machen. Das Gute daran ist: es funktioniert. So kommt man durch den Wald ohne rückwärts wieder rauszurennen, weil die Angst einen überrollt, und vielleicht sogar trifft man auf jemand anderen, man hört ein Pfeifen von noch jemandem, der oder die auch im Wald pfeift, und vielleicht sind wir dann am Ende so viele, die sich durch das Pfeifen finden, dass wir nicht nur gut durch den dunklen Wald kommen, sondern vor allen Dingen dafür sorgen, dass es in ihm heller wird.
Die guten Nachrichten müssen wir suchen. Wir müssen uns dazu aufraffen, aber hey, wie viel anstrengender ist es, mit den dystopischen unseren Tag zu verbringen. Und wenn wir die guten Nachrichten wirklich an uns heranlassen, wenn wir sie wirklich verstehen und wirken lassen, auch wenn sie uns auf den ersten Blick völlig absurd vorkommen – wie zum Beispiel die Zuwachsraten an Erneuerbaren in China – wenn wir spüren, was es bedeutet, dass selbst in den USA die Erneuerbaren nicht aufzuhalten sind und so vielleicht tatsächlich die zunehmende Ozeanversauerung nicht mehr ein unabwendbares Schicksal ist, zu dem wir uns selbst verdammt haben, dann schreckt und paralysiert uns alles andere nicht mehr so. Wir halten die üblichen Fehlerberichte der Nachrichten aus, weil wir wissen, es gibt einen anderen Zugang zur Welt, einen, in dem Hope is a verb, ein Tu-Wort, wie es im Deutschen so schön heißt.
Es gibt viele Wege zu diesem anderen Zugang zur Welt, eins ist das gerade erschienene Buch von Andy Min and Thomas Sullivan: WE LOVE YOU An Optimistic Guide to Life on a Rock Floating Through Space
Die Schönheit der Welt …
Ein anderer Weg war es, durch den knietiefen Neuschnee zu stapfen, der Hamburg tagelang den Atem anhielten ließ.
Ich weiß, auch hier Parallelwelten: Was hier wie ein Wunder aussieht, ist in den Bergen kein Spaß, sondern harte Arbeit, da wo der Schnee nicht geschippt werden kann, sondern mit der Fräse morgens das Haus wieder befreit werden muss, um es verlassen zu können. Und niemand, wenn nicht unablässig die großen Fräsen den Pass freihalten würden, etwas zu essen besorgen könnte im Nachbartal, geschweige denn zur Schule, zur Arbeit, zum Arzt käme. Ich kenne das, mein Großvater hat hoch oben in den Bergen für seine Student:innen ein Haus gebaut, das jetzt einer Stiftung gehört, und in das wir uns schon oft zum Arbeiten zurückgezogen haben. Der Hang neben dem Haus zum Tal hin wird Fuchshang genannt, weil man dort jeden Morgen seine Spuren im Schnee sieht. Füchse gibt es auch hier, wo unser Büro ist. Wir hätten uns nicht gewundert, wenn einer von ihnen über uns wachte wie Tomte Tummetott in Astrid Lindgrens Buch und wir morgens seine Spuren im Schnee entdeckten. Wie bei Tomte hatten wir die hellste Vollmondnacht, an die ich mich in Hamburg erinnern kann. Und jeden Morgen, wenn ich aus dem Fenster schaute, dachte ich: Wo bin ich? In den Bergen? Alles ist langsamer stiller heller, als ob die Welt einem einen Raum baut zum Innehalten und Nachdenken. Der Schnee verändert die Menschen. Wenn man im Alstertal spazieren geht, begleiten einen die jauchzenden Stimmen der Kinder, die jede kleinste abschüssige Stelle zum Rodeln nutzen. Erwachsene mit roten Backen lachen sich zu und ziehen ihre Kinder auf Schlitten zur Schule. Auf dem großen Ohlsdorfer Friedhof stapfen wir vor Staunen schweigend durch den unberührten tiefen Neuschnee, über uns die hohen, sich unter ihren Schneepolstern biegenden Bäumen. Die auf uns herabschauen, Besucher in ihrer Welt.
Gast sein.
Luisa Neubauer beschreibt wunderbar anschaulich (ab min 23 im Webinar u.a. mit Antje Boetius), wie es sich anfühlt Gast zu sein auf diesem Planeten, wenn man die berüchtigte Drake Passage durchsegelt hat und die Antarktis einen empfängt: "Wir dürfen mal gucken."
Sie macht nämlich gerade das Beste, was man gerade machen kann. Während wir anderen uns mit Politiker:innen, die sich in der Meisterschaft des dreifachen Flickflacks rückwärts üben, herumschlagen müssen, segelt sie in die Antarktis. Gut, das kann jetzt nicht jede:r. Nicht jede:r kann auf der Malizia, dem Forschungssegler von Boris Herrmann (bei dessen Vorstellung auf der Nationalen Meereskonferenz in Berlin wir dabei waren), in die Antarktis segeln. Aber sie tut das auch nicht alleine: Sie nimmt Tausende von Schulkindern mit in ihrem Globalen Klassenzimmer, um Antworten zu geben auf die Frage, wie wir uns der Welt zuwenden, statt uns von ihr abzuwenden, "… um zu zeigen, wie es aussieht, wenn man sich in die Welt verliebt und neben dem Schwierigen auch das Schöne sieht."
Ihre politische Mission ist es, die Meere anders und neu in unser Bewusstsein zu bringen. Dass sie so leicht aus unserem Blick rutschen, liegt auch an den Landkarten. Allein das Wort Landkarte. Als ich einmal für eine Zeichnung als Vorlage eine Weltkarte mit der Antarktis drauf suchte, fiel mir auf, dass sie auf ganz vielen Karten einfach fehlt, weil sie so komisch verzerrt werden müsste, sie würde so ein breiter Lappen, der sich unten am Rand entlang zieht. Also lässt man sie, wenn man sie nicht braucht, lieber ganz weg. Ok, wir müssen etwas Dreidimensionales in etwas Zweidimensionales übersetzen und als Landlebewesen wählen wir dann die Verzerrung, die unserer Sicht am nächsten kommt. Allerdings kann man so sehr leicht übersehen, dass der Ozean einer ist. Die Landmassen sind nicht alle miteinander verbunden, die Meere schon.
Eigentlich müsste in jedem Klassenzimmer die Spillhaus-Karte hängen.
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