Liebe Freund:innen der Meere, liebe Ozean-Enthusiast:innen, liebe Mitstreiter:innen,

herzlich willkommen zum Logbucheintrag #13 – Auf dem Stillberg. Hier bin ich wieder und werde auch wieder den regelmäßigen Rhythmus aufnehmen. Die letzten Wochen waren so intensiv, dass alle Newsletter, die ich euch geschrieben habe, es nicht geschafft haben, fertig zu werden. Wie wenn ich sie am Strand in den nassen Sand geschrieben hätte, eine Welle kam, überspülte sie und nichts blieb, so als ob nichts gewesen wäre.

Viele Wellen kamen. Und immer wieder berappelten wir uns. Viele, viele, viele endlos endlos lange Gespräche haben wir geführt, wir alle müssen uns neu erfinden. Gegen den Widerstand, der jeden Tag stärker wird, der jeden Tag näher rückt, der es sich jeden Tag selbstverständlicher in der Mitte unserer Gesellschaft gemütlich macht. Aber keine Sorge: Wir erfinden uns neu. Wir bei DEEPWAVE und ebenso unsere Kolleg:innen um uns herum.

Zwischenzeitlich war ich zu wütend, um einen gesitteten Newsletter zu schreiben, zu düster, um einen zu schreiben, der das Licht anmacht, zu ratlos, zu rastlos, viel zu viel zu viel. Bis ich auf den Stillberg ging.

Ich könnte über den Heli schreiben, der, als ich in den Bergen nachts auf das Dorf unten im Tal zuging, über den Bergkamm kam. Mit diesen kleinen fliegenden Heuschrecken sind wir dort oben mit der Außenwelt verbunden. Hilfe, wenn man sie braucht. Der Kegel des Suchscheinwerfers wanderte minutenlang durch den Wald am Hang, dann über die großen Wiesen im Tal, bis er schließlich am dafür vorgesehenen Landeplatz bei der Feuerwehr neben der Kirche zum Punkt zusammenschnurrte und der Heli landete. Nach kurzem Aufenthalt schwang er sich wieder in die Luft und entfernte sich über den Bergkamm Richtung nächstes Krankenhaus, ein immer kleiner werdender Lichtpunkt am schwarzen Himmel. 

Ich stand da in sicherem Abstand weit vor dem Dorf, und fragte mich: Was hat er gesucht? Seinen Landeplatz? Den müsste er doch kennen. Aber nein, den gilt es zu suchen. Ein Bild, das sich mir eingeprägt hat für das, was wir tun, wir und alle NGOs, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir suchen nicht das, was wir retten wollen, sondern den besten Ort, von wo aus wir es retten können.

Ich könnte über die letzten zwei Wochen schreiben, in denen wir nach Kingston, Jamaica geschaut haben. Kolleg:innen von uns waren vor Ort beim International Seabed Authority Council Meeting, in dem weiter über das Schicksal des Meeresbodens verhandelt wurde, was, wie ihr als Leser:innen dieses Newsletters wisst, das Schicksal unseres Planeten bedeutet, kleiner ist es nicht zu haben. Siehe WrapUp der DSCC (deren Mitglied wir sind). Wir sind sehr erleichtert, dass der Mining Code nicht schnell schnell schnell verabschiedet wurde, um auf den Druck bestimmter Staatsoberhäupter und Unternehmen zu reagieren. Und dass diese Unternehmen jetzt strengstens beobachtet werden, inwieweit sie gegen bereits bestehende Vorschriften und Verträge verstoßen. Neue Studien sind erschienen, die unsere Ausrichtung aufs Narrative Shifting stärkstens unterstützen. Und wo wir doch hier für die Frohen Botschaften zuständig sind, mit denen keine:r rechnet: An den guten Entwicklungen wird unsere deutsche Delegation, also die der Bundesregierung, nicht unerheblich beteiligt gewesen sein, davon können wir, nach allem was wir wissen, ausgehen. 
Es geht also auch so. 

Ich könnte schreiben, dass ich tief unten in der Tiefsee war. Und dass ich miterlebt habe, wie Tiefseewesen den Sitzungssaal der ISA stürmen.

... ich war im Theater.

Ich könnte also über die Wirkung von Kunst schreiben, warum die Tanztheateraufführung DEEP SEA BABY von Marlene Helling und ihrem Ensemble mit dem Bühnenbild von Marei Dierßen und der Musik von Juli Grönefeld das Beste ist, was ich zur Vermittlung der Tiefseebergbau-Problematik jemals gesehen und gehört habe. Alles später.

Denn eigentlich will ich nur über eins schreiben.

Ich war vor ein paar Tagen auf dem Stillberg. Der so ist wie er heißt. Still. Auf 1500 m Höhe hört man im Allgäu im frühen März nur ab und an einen Vogel. Den Wind. Ganz leise ein paar Insekten. Eine erste Fliege. Etwas raschelt im trockenen Gras. Der Geruch der Wiesen ist noch nicht da. Er erwacht erst. Dafür atmet das geflämmte Holz der Alpe hinter mir in der warmen Nachmittagssonne. Sein intensiver Geruch mischt sich mit dem des Schnees, der in den Schneefeldern auf den Mulden der Wege liegengeblieben ist. Gegenüber das Alpenpanorama, schneebedeckte Gipfel, gestochen scharf. Majestätisch, unerreichbar und unnahbar. Und doch einfach nur da. Selbstverständlich, unpathetisch, wie eine Wiese in der Sonne. Die mich schon immer an das Meer erinnern mit ihren Wellenbergen aus Flanken und Steilwänden, ihren aus dem Schnee ragenden Graten und den Spuren abgegangener Muren, wie versteinerte Gischt, mit ihren Schatten und Tälern und gleißendem Weiß.

Ich war dort oben alleine. Ganz alleine. So alleine wie niemals in der Stadt oder in anderen bewohnten Gegenden. Ich wusste, ich hatte für den Abstieg noch zwei Stunden, bis ich wieder auf Menschen treffen würde. Es war nachmittags, die Sonne schien und würde in zwei Stunden untergehen, der Akku bei ein paar Prozent, die vielleicht die Hälfte des Abstiegs reichten. Wenn ich hier stürzen würde und in einem der Schneefelder liegen bleiben, das war mir bewusst, würde mich niemand finden. Um die Uhrzeit ging hier zu dieser Jahreszeit niemand mehr vorbei. Niemand. Ich wusste also, dass ich einen konzentrierten Abstieg vor mir hatte. Mein Herz schlug. Aber mit einem Mal wurde mir etwas bewusst, dass sich völlig unvorbereitet in mir ausbreitete. Ich fühlte mich nicht allein. Überhaupt nicht. Rational war ich allein, in meinem Kopf. Meine Vernunft sagte mir das. Aber in meinem Gefühl war ich es nicht, ganz und gar nicht. Ich schaute auf die Berge gegenüber, die schneebedeckt den ganzen sichtbaren Horizont umspannten, und ich fühlte mich nicht allein. Sondern geborgen. Sie waren da, da drüben, in ihrer jahrmillionenalten Schönheit und Gelassenheit, die Luft, die von mir zu ihnen reichte, war die gleiche. Die Vögel und Insekten und den Wind und das Licht teilten wir uns. Und ich gehörte dazu. Wie könnte ich da alleine sein? Dankbar, ein Lebewesen inmitten von anderen Lebewesen und Pflanzen und Steinen und Wassern und Bergen zu sein.

Ich blinzelte in die Sonne, nahm meinen hölzernen Wanderstecken und stieg ins Tal ab. Dieses Dazugehören, Verbundensein, nahm ich mit.

Genießt den Frühling, bis in zwei Wochen,

 

Eure Anna Groß
CEO DEEPWAVE

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