Liebe Freund:innen der Meere, liebe Ozean-Enthusiast:innen, liebe Mitstreiter:innen,
herzlich willkommen zum Logbucheintrag #14 – Auf der Straße. Eigentlich bin ich zu einer Buchvorstellung zum Thema Hoffnung gegangen. Wie schnell und komplett das kippen kann, habe ich letzte Woche am eigenen Leib erfahren. Und daher fangen wir diesen Newsletter einmal andersherum an, nicht mit dem, was uns nah an den Abgrund des Aufgebens schiebt, sondern mit dem, was mich vom Abgrund zurückgeholt hat: Kunz und die Welt. Uli Kunz trifft in diesem neuen Terra-X-Format auf eine angeschrammelte, grantelnde Welt, die den Kaffee auf hat und die Menschen verlassen will. Was? Uli schafft es, sie zu einer Challenge zu überreden, um sie umzustimmen. In 100 Tagen will er ihr Menschen und ihre Projekte zeigen, die sich für sie einsetzen: Kelpwälder, die CO² speichern, Seegraswiesen, die in der Ostsee wieder angepflanzt werden, KI-unterstützte Geisternetzbergung und Alternativen zu Dolly Ropes, die den Basstölpeln auf Helgoland das Leben zur Hölle machen. Das Besondere an Uli Kunz‘ Humor ist, dass man ihm anmerkt, wie ernst es ihm ist. Gerade weil er so viel gesehen hat und durch Momente der Ratlosigkeit und mehr durchgegangen ist, wirkt er so überzeugend und ansteckend positiv. Wenn die Erde genug (natürlich zu recht) gegrantelt hat, will man am liebsten in den nächsten Zug springen und selber mit anpacken.
Wenn ihr also lieber nicht wissen wollt, warum 22.000 Menschen vor dem Hamburger Rathaus so laut, wie sie nur konnten, geschrien haben, dann überspringt den Rest dieses Logbucheintrags, lest nicht weiter, sondern schaut Kunz und die Welt, hört das Känguru und geht spazieren. Und habt schöne Osterfeiertage!
Für alle anderen geht es hier weiter. In den Empfehlungen des letzten Logbuchs hatte ich ja angekündigt, zur Fun Facts Folge in Hamburg mit Pheline Roggan und Marc-Uwe Kling zu gehen. Pheline Roggan las mit ihrer wunderbar gelassenen, tiefen Stimme aus dem Buch Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen ihren eigenen Text, darüber wie sie Klimaaktivistin geworden ist aus einem Moment tiefster Verzweiflung heraus, und den Text von Marina Weisband, die auf eine krasse Weise der Realität in die Augen schaut und genau daraus ihre Hoffnung gewinnt: „Wenn morgen die Welt brennt, bin ich auf übermorgen vorbereitet.“
Albträume und Trauer
Aber anstatt, wie Pheline dem Format angemessen ironisch sagte, über so leichte Dinge wie die Klimakrise zu sprechen, musste sie über etwas anderes sprechen. Vier Tage später war ich auf der Demo vorm Hamburger Rathaus. (Falls hier jemand die letzten Wochen unter einem Stein verbracht hat: Es ging um sexualisierte Gewalt.) Mit 22.000 Menschen, Frauen, FLINTA und erstaunlich vielen Männern, die beginnen ihre Stimme zu nutzen und sich nicht mehr aus den verschiedensten Gründen wegducken. Wir brauchen sie, wir brauchen euch. Als wir alle gemeinsam Luft holten, um unsere Wut und Verzweiflung herauszuschreien, über uns der Heli und hinter uns die Polizei, hätte ich zu gerne die Gesichter gesehen, in den umliegenden Einkaufsstraßen, in denen wie immer, als sei nichts, eingekauft wurde. Immer ist nichts. Wie oft war mir schon zum Schreien zumute, und diesmal habe ich es, habe mitgeschrien auch für all das, was ich sofort vor meinen Augen sehe, wenn ich umgeben bin von ungebremstem Plastikkonsum, dreckigen Benzinern, Tellern mit Lachs und Thunfisch Makis: Wale, die durch Fischereileinen qualvoll verenden, Korallen, die Erbauer der größten lebendigen Strukturen auf diesem Planeten, die durch Versauerung und Erhitzung sterben und komplett und endgültig verschwinden werden, leere Meere, in denen es keine Fische mehr gibt, dafür Nanoplastik in jedem Milliliter Meerwasser. Sooft sind wir vernünftig, argumentieren, suchen und bieten Lösungen, aber die Geduldsfäden werden immer dünner. Glücklich die Kolleg:innen, die das Glück haben, durch Statistiken getröstet zu werden, denn ja, wir leben auch in einem Moment der Geschichte, in dem sich vieles zum Guten wendet. Glücklich die Kolleg:innen, die Fakten, die größere Perspektive, das Denken in die Horizontale hinein, in die Weite, die der Weitblick tröstet (so wie der Ausblick vom Stillberg, ihr erinnert euch Logbuch #13), aber im Augenblick fühle ich mich vertikal in die Tiefe gehämmert, jeder Tag ein neuer Schlag.
Mir ist gerade das Albtraumhafte näher, vielleicht weil ich eine Frau bin...
Warum hat mich diese Demo so angefasst? Weil ich realisiert habe, was ich bisher erfolgreich verdrängt habe: Wie viele Frauen in meinem beruflichen Umfeld mit Morddrohungen leben, seit Jahren. Und es geschieht … nichts. Bis jetzt. Jetzt heißt es: Das Momentum nutzen. Wenn wir uns treffen, austauschen, kennenlernen oder zusammenarbeiten, dann geht es um die Themen unserer Arbeit, es wird nicht mal so eben erwähnt: Du, übrigens bekomme ich seit Jahren das und das in mein Postfach. Auch aus Rücksicht auf eine potentielle Retraumatisierung.
Wenn ihr ein unaufgeregtes, detailliertes und fundiertes Gespräch zum Thema hören wollt, dann dieses hier mit den beiden Autor:innen der Recherche, die alles ins Rollen gebracht hat. Was mich daran besonders erschüttert hat, weil es mich zu sehr an unsere eigene Arbeit zur Klimakrise und den Gefährdungen der Meere erinnert hat: Sehr kundige, engagierte Menschen arbeiten akribisch und unermüdlich, um auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen, die uns alle betreffen, als Humankind as a whole, sie riskieren ihr unbehelligtes Privatleben, geben nicht auf, arbeiten weiter, kommunizieren, teilen ihr Wissen und es passiert … nichts. Anstatt dass wir uns daran machen, diese Dinge anzugehen, als Humankind as a whole.
Trotz allem bin ich dankbar, dass es in diesem Land noch möglich ist, dass wir abends zu 22.000 auf dem Rathausplatz demonstrieren dürfen, und dass auf uns aufgepasst wird, das Gefühl in dieser großen Menge war geschützt, aber was auf der Bühne gesagt wurde, war das Gegenteil davon. Spätestens als Luisa Neubauer auftrat, war klar, worum es hier geht. Ihre Worte haben viele, die nicht dabei waren, nachts auf allen Kanälen gehört, es fällt mir schwer sie zu schreiben: „Diese Woche schreibt mir ein Mann im Internet, er würde mir >>eine Kugel in den Kopf jagen, sollte er mich auf einer Demo sehen. << […] Und irgendwo hier steht meine Mutter und ich weiß nicht, wie sie das aushält. Ich weiß nicht, wie die Mütter in diesem Land das aushalten und die Töchter und alle anderen.“
Durch die Gespräche, Erfahrungen und Reaktionen der letzten Wochen ist mir so deutlich wie noch nie geworden, wie sehr, obwohl wir scheinbar so viel erreicht haben, so frei und vielfältig leben können im Vergleich zur Mitte des letzten Jahrhunderts, das Frauenbild in unserer Gesellschaft systemisch Galaxien weit entfernt ist von dem, wie es sein müsste, damit Frauen wirklich frei, selbstbestimmt und unbehelligt auf diesem Planeten leben können. Von allen anderen, die nicht auf der Seite der Eineindeutigkeit stehen, ganz zu schweigen.
Die Liste, die ich mir in den folgenden Nächten gemacht habe, wurde länger und länger und düsterer und düsterer. So vieles, über das ich seit Jahren, seit Jahrzehnten nachdenke, zu dem ich seit Jahren arbeite, für das ich mich seit Jahrzehnten einsetze, erschien plötzlich in einem komplett ausweglosen Licht. Nichts da ein letztes Aufbäumen des Fossilen Narrativs, nichts da ein letztes Aufbäumen des Patriarchats, nichts da ressourcenschonender Umgang mit den Grenzen unseres Planeten (wenn ich an den neuen Energie- und Wasserhunger der KI denke), nichts da Nie wieder ist jetzt, nichts da mit Frieden mit Staaten, die Kriege nur weil sie es können beginnen, nichts da zur Vernunft kommen durch das Überschreiten der ersten Kipppunkte. Alles ist so offensichtlich, liegt glasklar auf der Hand, und nichts nützt etwas. Mir ging es wie in den schweren Trauerzeiten, ihr kennt es vielleicht aus Albträumen: Man rennt und rennt und rennt und will jemand oder etwas festhalten und greift immer nur ins Leere.
Aus Alpträumen wacht man auf, für Trauer gibt es Rituale: Man blinzelt in die Morgensonne, eine Tasse Tee in der Hand, man schüttelt sich und freut sich auf den Tag. So war es auch hier, Kunz und die Welt hat mich rausgefischt.
Meeresthemen
Wo sind die Guten Nachrichten? Bitteschön: Der Bogenstirnhammerhai und der Große Hammerhai sind in Anhang 1 der CMS aufgenommen worden!
Als frischgebackener Funfact Fan empfehle ich euch die Folge mit Marlo Grosshardt, so fröhlich habe ich noch nie einen Erfolg unserer Arbeit serviert bekommen (ab min 14:34). Hammerhaie sind hier bei DEEPWAVE seit Anbeginn so etwas wie unser Schutztier und daher feiern wir mit der Community ihre Aufnahme als besonders schützenswert durch die CMS CoP 15 als Riesenerfolg und Wendepunkt. Unser Dank geht an alle Kolleg:innen, die sich seit Jahren unermüdlich für ihren Schutz eingesetzt haben. Die sogenannte Bonner Konvention, das Übereinkommen zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten (Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals, CMS) hat die Tierarten im Fokus, deren Schutz über politische Grenzen hinaus geregelt werden muss. Zugvögel, Großkatzen, Meerestiere …
Der Satz, der jetzt folgt, passt zur Stimmung dieses Logbucheintrags, ihr wisst was jetzt kommt: Das Artenschutzabkommen wurde von 132 Mitgliedsstaaten sowie der EU ratifiziert, außer von den USA, China und Russland.
Marlo Grosshardt kann auch anders, diese Hymne kennen hoffentlich viele. Wenn ihr euch traut, hört sie auf laut mit offenen Fenstern, Balkon- oder Terrassentüren.
Bevor ich anfange zu weinen wie viele Mütter, die an andere Mütter denken … schnell eine gute Nachricht: DEEPWAVE hat endlich mal wieder ein Papier mit Freuden mitgezeichnet, weil dadurch reale, greifbare, ganz easy umsetzbare Veränderungen bewirkt werden könnten, die wirklich etwas Entscheidendes in Bezug auf die weltweite Überfischung verändern würden. Unsere gemeinsame Pressemitteilung und das Positionspapier zur Fischkonsumwende findet ihr hier.
Das Känguru
Was mich dieser Tage neben vielen Gesprächen mit guten Freund:innen begleitet, ist die Stimme des Kängurus. Der fünfte Band der Känguru-Reihe Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling (hörbar auf der Plattform eurer Wahl) wird hier heftig diskutiert, weil hier einige junge Menschen sind, die durch die ersten Känguru-Bände politisiert wurden, die eine Idee davon bekommen haben, was es heißt, ein politisches Leben zu führen, dass das sogar Spaß machen kann, abgesehen davon, dass es sich lohnt. Die gelernt haben, wie sich anarchische Lebensfreude gepaart mit Verantwortung anfühlt und was sie bewirken kann. Die durch das Känguru zu dem geworden sind, was sie sind: Engagierte junge Menschen, denen die Welt und eine gemeinsame, gerechte Zukunft alles andere als egal ist.
Und einige von ihnen haben jetzt mit dem fünften Band so ihre Probleme. Das Känguru ist immer noch unglaublich nervig und witzig, aber in ihren Augen ausgerechnet jetzt nicht so rebellisch, wie sie es sich dringend wünschen, wo uns allen hier die Zukunft um die Ohren fliegt. Das, was da drin steht, ist allerdings auch sehr wahrscheinlich nicht für uns geschrieben, denn unsereins (da denke ich an das nächste Buch: die Stimme des ZwiZwaZwottel Zottelschratzes aus dem Kinderbuch Hörbe mit dem großen Hut, auch so eine großartige Geschichte über Fremdenfeindlichkeit, Mythenbildung und Zusammenhalt, eine Empfehlung für alle Kindergärten und Vorleseeltern), also unsereins weiß das alles schon, was da drin steht, daher wünschen wir dem Buch aufs Nachdrücklichste, dass es Menschen in die Hände fällt, die dadurch Fakten und Sichtweisen geliefert bekommen, die für sie neu sind und die sie ermutigen, in ihrem eigenen Interesse für die Welt und eine gemeinsame, gerechte Zukunft zu handeln.
Unsereins tut es einfach gut, diesen ganzen üblen Kram mit der Stimme des Kängurus und der seines Mitbewohners vorgetragen zu bekommen. Humor ist wie ein gut funktionierendes Schmerzmittel: Es unterbricht den Schmerz, damit wir unsere Selbstheilungskräfte aktivieren können. Während ich mein Frühstück mache, legt der Mitbewohner das Kängurus seinen Kopf auf den Tisch und zählt ab 5 rückwärts und hebt den Kopf dann wieder. Auf die Frage des Kängurus, was das denn nun wieder solle: "Ach nichts, ab und zu erlaube ich mir 5 Sekunden Verzweiflung." Und dann geht es damit weiter, was wir hier alle, was unsereins ebenso machen. Begründete, faktenbasierte, ökosystembasierte Hoffnung bauen.
Mit herzlichen Grüßen vom Osterfeuer