Wieder da?
Also, das Emotionalisieren – das riecht ja für viele so ein bisschen nach Manipulation. Irgendwie unlauter. Es fühlt sich falsch an, wenn Menschen von traurigen Geigen überzeugt werden anstatt von Fakten, auch wenn es ganz offensichtlich immer wieder funktioniert. Aber der Punkt ist: Aus der Perspektive unseres Gehirns ist die natürlichste Daseinsform von Information die Geschichte, es erklärt sich die Welt in Form von Geschichten. Und Geschichten lösen Gefühle aus. Rohe Zahlen und Daten, die nicht mit einem starken Gefühl verbunden sind, sind dem Gehirn erstmal egal, sie gehen hier rein und da wieder raus, und egal, wie blöd wir das finden, wir werden das nicht ändern.
Das ist keinesfalls ein Freifahrtschein, Fakten links liegen zu lassen, ganz im Gegenteil. Aber es ist der Grund, aus dem wir den Fakten mehr und bessere Brücken in die Herzen bauen müssen, wenn wir wollen, dass sie verfangen: Brücken aus Gefühl. (Transparenzhinweis: Ich habe gerade gegoogelt, ob es das als Songtitel gibt, dann hätte ich einen Witz daraus machen können, leider vergeblich.)
Was Uki und Whale Fall machen, ist also strategisch erstmal unbedingt zu begrüßen.
Die nächste Frage ist allerdings: Welches Gefühl? Es gibt für diese Technik viel Anschauungsmaterial aus Ecken, mit denen wir uns ganz sicher nicht gemein machen wollen; die zentralen Gefühle, mit denen dort gearbeitet wird, sind Angst und Wut. Die sind besonders leicht herzustellen, wenn man bereit ist, allen Anstand über Bord zu werfen, Fakten bis zur Unkenntlichkeit zu verdrehen und komplexen Problemen unschuldige Sündenböcke und allzu einfache Lösungen entgegenzuhalten.
Aber Vorsicht vor dem naheliegenden Kurzschluss, negative Gefühle seien das Problem. Es gibt hochwirksame, faktentreue Kommunikation, die wehtut und gerade deshalb etwas bewegt, siehe zum Beispiel Blackfish. Der Unterschied, auf den es wirklich ankommt, ist nicht der zwischen angenehm und unangenehm. Er läuft vielmehr entlang der Frage: Öffnet mich ein Gefühl – oder sperrt es mich ein in meiner Ohnmacht? Lässt es mir einen Weg nach vorn, oder lässt es mich nur zerknirscht und handlungsunfähig zurück?
Das ist auch der Grund, warum wir die billige Tour gar nicht brauchen: Liebe, Freude, Hoffnung, Staunen, Witz öffnen zuverlässig – und man muss sich überhaupt nicht von Fakten und Anstand verabschieden, um diese Gefühle für eine wirkungsvollere Kommunikation urbar zu machen.
Und genau hier gehen Uki und Whale Fall deutlich auseinander.
Uki
Uki ist künstlerisch eindrücklich, atmosphärisch dicht und emotional wirkungsvoll. Aber das Gefühl, mit dem der Film das Publikum hinterlässt, ist Hilflosigkeit. Ich bin in einer Zeit klein gewesen, in der Kinder, die ihren Teller nicht leeraßen, gelegentlich zu hören bekamen, dass die Kinder in Afrika hungern – mit dem Resultat, sich vage schuldig zu fühlen und zugleich völlig erdrückt von der Machtlosigkeit, am Hunger in Afrika irgendetwas zu ändern.
An dieses Gefühl erinnert mich Uki. Wogegen oder wofür soll ich konkret entflammt sein, wenn ich nach diesem Film das Kino verlasse? Es ist natürlich nicht notwendigerweise die Aufgabe von Kunst, konkrete Handlungsimpulse für eine bessere Welt immer gleich frei Haus mitzuliefern. Bestimmt hat der Film seine Preise zu Recht gewonnen. Aber aus der Perspektive zivilgesellschaftlichen Engagements, in der Uki sich ja auch ziemlich offensichtlich positioniert, wünsche ich mir zu einer Anklage immer auch eine konkrete Option, einen Ausblick, eine Hoffnung, denn: What we cannot imagine, cannot come into being, (das ist leider nicht von mir, das hat die US-amerikanische feministische Denkerin bell hooks gesagt), oder, in wissenschaftlicher Sprache: Efficacy, also wahrnehmbare Selbstwirksamkeit, ist der Hauptschalter für alle negativen aktivierenden Emotionen. Wird dieser Schalter nicht umgelegt, dann reagieren wir in der Tendenz nicht mit Adressierung des Problems, sondern mit der Adressierung des unangenehmen Gefühls, das wir loswerden wollen, und in der Regel finden wir dafür einen nicht allzu aufwändigen Weg.
Whale Fall
Whale Fall geht in eine ganz andere Richtung: Das Leben nach dem Tod eines Wals – nicht mehr seins, aber das von tausenden anderen Organismen, das erst durch seinen Tod ermöglicht wird – wird als etwas Erstaunliches, Wunderbares nicht sachlich erklärt, sondern emotional erlebbar.
Das konkrete Gefühl, das der Film auslöst, greift man am besten mit dem englischen Begriff awe - wir haben keine exakte deutsche Entsprechung, wir können uns nur mit einer Kombination aus Ehrfurcht und Staunen und dem Eindruck von Erhabenheit annähern. Ich bin auf eine wundervolle englische Definition gestoßen: a vastness that expands your sense of the world – aber sie hilft hier nur bedingt weiter, weil vastness gleich noch so ein schönes englisches Wort ist, dem wir mit keinem deutschen Äquivalent so richtig beikommen können.
Über dieses Gefühl von awe jedenfalls gibt es inzwischen so viel wissenschaftliche Literatur, dass man fast von einem eigenen Forschungszweig sprechen kann, und mindestens Folgendes lässt sich mit einiger Sicherheit konstatieren: Awe in Verbindung mit Naturerlebnissen erhöht das Gefühl der Verbundenheit mit der Natur (dazu zum Beispiel diese Studie) und senkt den Eindruck der Überlegenheit des Menschen über sie (und dazu diese hier); beides erhöht die Bereitschaft, sich für die Natur einzusetzen und zu ihren Gunsten auf Dinge zu verzichten.
Dazu kommt: Awe ist nicht nur ein aktivierendes Gefühl, darüberhinaus ist es auch eines, das den Genuss und die Teil-Wahrscheinlichkeit einer Geschichte vergrößert – die Chance ist größer, dass die Menschen draufklicken, dass sie es weitererzählen, dass viele andere etwas von der Geschichte mitbekommen. Exzellente Wahl aus der Werkzeugkiste der Emotionen also.
Das ist a) ein wichtiger Befund für uns Menschen, deren Kerninteresse es ist, andere für Naturschutz anzuzünden, und b) natürlich trotzdem kein Allheilmittel.
Was diese Studien zuverlässig zeigen, ist eine größere individuelle Handlungsbereitschaft, und das ist ja schon alles andere als wenig. Was aber die Forschung nicht gleich mitliefert, ist der Sprung von dort ins kollektive, politische Handeln – der Weg von „ich fühle mich der Natur verbunden" zu „wir organisieren uns und bewegen etwas" ist plausibel, aber eher erhofft als belegt.
Und ein Film allein wird auf der gesellschaftlichen Skala nicht allzu viel ändern, auch fünfzig nicht. Aber jeder Beitrag, der sich für einen solchen Ansatz entscheidet und – auch das beileibe keine Selbstverständlichkeit – ihn mit dem richtigen erzählerischen Gespür umsetzt, schiebt den Wal und das Meer oder was immer sonst das Thema ist, ein bisschen weiter ins Herz des Publikums, dorthin, wo sie hingehören, dorthin, wo Überzeugungen entstehen – und von wo aus sie, im besten Fall, zu Selbstermächtigung und Engagement heranwachsen können.
Von den Menschen her erzählen
Meeresschutz ist ein abstrakter Begriff. In den Ohren derer, die nicht ohnehin schon überzeugt sind und wirklich verinnerlicht haben, was auf dem Spiel steht, klingt er nach Altruismus und Selbstzweck, da kann man noch so oft wiederholen, wieviel Sauerstoff aus dem Meer und so weiter und so fort. Jaja, ist ein wichtiges Thema, aber ist ja morgen auch noch wichtig. Hey, sieh es mal so, so unwichtig wie heute wird Meeresschutz nie wieder! (diesen Witz habe ich von Till Reiners gestohlen)
Nimm es den Leuten nicht übel, sie können fast nichts dafür, wir sind alle unseren Steinzeitgehirnen ausgeliefert. Sie können noch so genau die Fakten kennen, die klarmachen sollten, was das Meer mit ihrem Leben zu tun hat, sie fühlen es nicht, und was sie nicht fühlen, existiert nur in der Theorie und lässt sich allzu leicht wegschieben, wenn der Denkapparat Energie sparen und Irritationen vermeiden will, und das will er fast immer.
Starbesetzung
Die nächsten beiden Filme, über die ich sprechen möchte, holen die Dringlichkeit von Meeresschutz aus der Theorie in die Realität, weil sie nicht erzählen: Wir müssen Meeresschutz betreiben, weil a und b und c, sondern: Guck mal hier, diese echten Menschen, die leben mit dem Meer und an dem Meer. Die haben ganz ähnliche Sorgen wie du, und sie haben manchmal echt zu kämpfen, genau wie du. Sie sind ein bisschen schrullig und haben Macken, aber insgesamt sind das Leute, mit denen man gerne mal in einer Kneipe ein langes Gespräch führen würde, sicher würde man viele Gemeinsamkeiten entdecken. Und guck mal, die haben die erste gemeinschaftseigene, regenerative Meeresfarm in Wales aufgebaut und ziehen dort Seetang und Muscheln (For the Love of the Sea) bzw. guck mal, die leben von der Fischerei in den Riffen an ihrer Küste, und jetzt pflanzen und dokumentieren sie Korallen (Coral in Focus), und das ist übrigens super für den Meeresschutz, und der ist natürlich auch für diese Leute, deine neuen Freunde, total wichtig, weil sie wie ganz viele andere überall auf dem Planeten ihre ganze Lebensgrundlage um ein intaktes Ökosystem Meer herum aufgebaut haben.
Das ist einfach richtig gut erzählt und eine ganz andere Geschichte als eine Reihe von talking heads, die zwischen Zwischenschnitten mit armen Tieren bedrohliche Fakten in die Kamera sagen. Weil du – zumindest für eine kurze Zeit – nicht mehr nur weißt, dass wir das Meer schützen müssen, sondern es auch fühlst. Die Filme verdienen sich dein Ohr, in dem sie dich mit den Protagonist:innen verbinden, und dann kann die Botschaft ganz anders landen und wirken, selbst wenn du mit Meeresschutz bisher nicht so viel am Hut hattest. (Der Grund, aus dem sinnvoller Walschutz es in Deutschland eher schwer hat, der Schutz von Timmy dem Wal hingegen eine regelrechte Massenhysterie ausgelöst hat, ist ähnlich gelagert, was will man machen, es ist das Gehirn. Hier die Neurowissenschaftlerin Maren Urner dazu in einer wunderbaren Folge von Fun Facts.)
Beide Filme haben also gemeinsam, dass die Botschaft von strahlkräftigen, glaubwürdigen und nahbaren Figuren getragen und so vom Abstrakten ins Konkrete geholt wird. Und: Beide Filme zeigen nicht nur Probleme, sondern Lösungen, die tatkräftig und charismatisch vor Ort angepackt werden, funktionieren und skalierbar sind (siehe oben, bell hooks etc., siehe aber auch unten die Wissenschaft).
Pakte mit Teufeln richtig machen
Beide Filme haben außerdem gemeinsam, dass sie von großen Unternehmen finanziert worden sind, Patagonia und Samsung nämlich. Damit gehen sie unterschiedlich um, mit unterschiedlicher Wirkung, und das spiegelte sich sehr anschaulich in der Atmosphäre im Saal während der Vorführung.
Coral in Focus beschreibt, wie in einem Projekt auf den Fidschi-Inseln eine lokale Organisation tausende Fotos von Korallenriffen macht, aus denen ein Forschungszentrum in den USA virtuelle 3D-Modelle der Riffe erstellt, die in neuem Maßstab erlauben, Erkenntnisse zum Schutz der Korallen zu gewinnen. Diese kleine Organisation kann das in dieser Größenordnung tun, weil Samsung genau für diesen Anwendungsfall einen Kameramodus für ihre handelsüblichen Smartphones entwickelt hat, der auf Unterwasser-Korallenfotographie optimiert ist und so eine Qualität erlaubt, die bisher nur mit sehr teuren, großen Unterwasserkameras möglich war. Das ist, Samsung hin oder her, eine Demokratisierung von Technologie, die dieser und vergleichbaren Initiativen in aller Welt ermöglicht, citizen science auf einem Niveau zu betreiben, das zuvor finanziell undenkbar gewesen wäre.
Während aber in For the Love of the Sea, einem Portrait einer äußerst einnehmenden walisischen Seetang-Farmer-Familie, der Sponsor Patagonia nur einmal zu Beginn im Vorspann auftaucht und sich ansonsten vornehm zurückhält, kippt Coral in Focus zu einem Zeitpunkt in die Eigenwerbung, zu dem noch reichlich Film übrig ist: mit Statements von PR-Menschen über die Großartigkeit der Arbeit des Konzerns und zahlreichen heldenhaften Samsung-Ingenieur:innen bei der Arbeit.
Kleine Wellen spöttischen Kicherns gingen durch den Kinosaal, und, so meine These: mit einem Mal war all das positive Messaging, das das Ensemble aus ebenfalls einnehmenden Protagonist:innen bis dahin so schön getragen hatte, überschrieben mit niederschwelliger Empörung über das Greenwashing eines Tech-Riesen, und große Teile der emotionalen Wirkung des Films – die, das haben wir ja festgestellt, einen wesentlichen Teil der Wirksamkeitsgleichung ausmacht – waren dahin.
Ist Coral in Focus deswegen für die Meeresschutz-Kommunikation ungeeignet?
Ich würde sagen, nein, im Gegenteil – er ist lediglich nicht allzu gut dafür geeignet, Meeresschutz-Kommunikation an ein Publikum aus vermutlich kapitalismus-skeptischen, ohnehin meeresschutz-nahen Personen zu betreiben. Bei einem Publikum aus technophilen Samsung-Fans hingegen, die sich eigentlich nicht groß für Korallen interessieren, aber technische Neuerungen aufmerksam verfolgen – bei Leuten also, die von sich aus keine Meeresschutz-Dokus schauen würden – könnte das, was bei uns als greenwashing-verdächtige Selbstbeweihräucherung landet, genau der emotionale Türöffner sein, den es braucht, um einen Unterschied zu machen. Und, und das sei der letzte hot take für heute: Von solchen Leuten gibt es vermutlich mindestens so viele wie Kapitalismuskritiker:innen.
Die strategische Lehre: Unterschiedliche Zielgruppen springen auf unterschiedliche Framings an, und das sollten wir zur Kenntnis nehmen und uns zu nutze machen, anstatt uns darüber zu empören.
Für das Festival eine gute Wahl war der Film natürlich allemal, weil für Menschen, die über Umweltkommunikation nachdenken, im Zusammenspiel mit For the Love of the Sea genau diese Unterschiedlichkeit sichtbar wird und interessiert betrachtet werden kann.