Liebe Freund:innen der Meere, liebe Ozean-Enthusiast:innen, liebe Mitstreiter:innen,

in diesem Logbucheintrag sollte es um die Zukunft gehen. So zumindest habe ich es euch angekündigt und auch, dass davor noch einige Klippen zu umschiffen seien, im echten Leben und in dem, was unsere Arbeit ausmacht. Dass es ein paar mehr Klippen geworden sind, seht ihr daran, dass es inzwischen August ist. Aber wir sind wieder da und werden euch ab jetzt wieder regelmäßig mit unserer Räuberleiter zum Handeln versorgen.

Das wird jetzt ein wirklich langer Logbucheintrag, ihr habt ja viel Lesezeit gespart in den letzten Wochen, also nehmt sie euch jetzt, macht euch einen Kaffee oder holt den Eistee aus dem Kühlschrank und lehnt euch zurück und freut euch (etwas später weiter unten) auf einen Gastbeitrag von Nico Czaja, einem der Experten auf dem Podium. Besser als er kann man nicht beschreiben, worum es auf diesem Festival ging.

Die Zukunft: Was ist das? Das, was noch nicht da ist, das wir aber gestalten können, jetzt. Sie muss nicht über uns hereinbrechen, wir sind ihr nicht ausgeliefert, wie die Held:innen in den griechischen Sagen. Die Zukunft ist nichts anderes als das, was wir jetzt gestalten. Und auch, wenn wir sie nicht gestalten, gestalten wir sie. Also macht es Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, wie wir sie gestalten, wie wir die Räume dafür weiten und mit wem wir sie öffnen. Dieses Wir allerdings, da kommt es uns immer öfter und vehementer so vor, als ob es uns aus der Hand genommen wird.  Dann hilft es, anderen dabei zuzusehen, wie sie sich dieses Wir wieder aneignen, wie sie ihr Leben und das Leben anderer und ihre gemeinsame Zukunft in die Hand nehmen.
Wo ginge dieses anderen dabei Zusehen besser als im Kino.

Die Zukunft gestalten, das geht besser, wenn wir über die Schulter zurückschauen und genau hinschauen, wie das, wo wir jetzt stehen, entstanden ist. Die Zukunft gestalten geht besser, wenn wir ein Bild haben, eine Vision davon, wo wir hinwollen. Wo ginge das besser als im Kino.

23 000 Leben

Manchmal werden wir gefragt, warum wir als NGO ein Filmfestival machen. Das sei doch nicht so richtige NGO Arbeit, sondern eher so Freizeitvergnügen. Wenn es einen Film gibt, der zeigt, was Film kann und was vor allen Dingen nur Film kann, dann ist das 23 000 Leben.

Auch zur Frage, ob wir uns in diesen Zeiten mit unseren Themen lieber aus Sicherheitsgründen wegducken sollten, ist dieser Film eine Antwort: Mehr Nichtwegducken geht nicht.

Eine filmische Erzählung der wahren Geschichte der IUVENTU, dieses Seenotrettungsschiffs im Mittelmeer, das gekauft, umgerüstet und gefahren wurde von jungen Menschen, die den Gedanken nicht mehr ausgehalten haben, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken, während sie in der Mensa sitzen. Und als jetzt Mitglieder der Filmcrew auf der Bühne beim Münchner Filmfest ihren Film vorstellten, hatten sie acht Rettungswesten an, auf denen die acht Worte standen: THEY COULD HAVE BEEN HERE WITH US TODAY. Weil durchschnittlich acht Menschen immer noch im Mittelmeer ertrinken, täglich. They could have been here with us today.
Das Außergewöhnliche an diesem Film ist also nicht nur der Film selber - seht ihn euch an, er ist aus den Kinos direkt zu Netflix gewandert und solltet ihr aus nachvollziehbaren Gründen diese Plattform nicht abonniert haben, dann gibt es bestimmt jemanden in eurem Freundeskreis, ist eh besser, den Film zusammen zu sehen - das Außerordentliche an dem Film ist, dass er jetzt auf genau dieser Plattform zu sehen ist und zwar nicht nur in Deutschland als deutsche Produktion, sondern weltweit. Er bringt nicht nur in die Charts, sondern in die Köpfe und Herzen, in Küchen und Träume (ja die der schlaflosen Nächte) ein Thema, dass nicht mehr auf der Agenda war. Da aber hingehört. Jeden Tag. THEY COULD HAVE BEEN HERE WITH US TODAY.

Und genau aus diesem Grund machen wir unser Filmfestival: Themen auf die Agenda und in die Herzen und Köpfe bringen, damit sie dort ihre Wirkung entfalten können und wir uns gegenseitig befähigen, Dinge zu ändern. Die Zukunft zum Beispiel.

Die Ortsangabe dieses Logbucheintrags heißt bewusst nicht „Im Kino“ oder „In der Zukunft“ sondern „Im Film“, weil Film genau das kann: Wir sind an Orten, an denen wir noch nie waren, wir sind mittendrin im Leben anderer Menschen (oder anderer Lebewesen), wir sind in ihren Köpfen und ihren Gefühlen, wir sehen die Welt mit ihren Augen, wir riechen und hören und spüren und leben ihr Leben in einer Zeit, die war, oder in einer, die kommt.  Bei uns hat all das natürlich mit den Meeren zu tun.

Am eindrucksvollsten zeigte das dieses Jahr ein Kurzfilm, bei dem man am Anfang erst gar nicht versteht, worum es geht. Und dann vergisst man ihn nie. Seht selbst: Deafened Giants von Anastasia Konovalova.

Alles, was wir den Meeren und ihren Lebewesen antun, tun wir uns selbst an. Aber wir merken weder das eine, noch das andere. Wir stecken in uns selbst fest. Film ist das Medium, um uns da rauszuholen.

Einer der das auch konnte, war Onno, unser Gründer Onno Groß

 

Ihm verdanken wir das Filmfestival.

Und dass es dieses Jahr Erdbeerkuchen für alle gab. Denn wer uns kennt, weiß, dass Onno nicht mehr hier ist und dass wir seinen Geburtstag am 12. Juni mit seinem über die Welt verstreuten Freundes- und Kolleg:innenkreis feiern, der Jahreszeit entsprechend mit Erdbeeren in jeglicher Form. Und weil das Filmfestival nun dieses Jahr ausgerechnet an diesem Tag stattfand, gab es eben Erdbeerkuchen fürs ganze Publikum

Unser Fotograf Jochen Quast nimmt euch kurz mit durch den Abend. Moderiert wurde er wie immer von der wunderbaren Andrea Gerhard

Das Programm findet ihr hier.
Spontaner Dank ging an Dr. Anabel von Jackowski

die aus Stockholm da war, um uns zu unterstützen und der wir die Initiative und die Durchführung der Plankton und Popcorn Tour zu verdanken haben, mit der das Format unseres Festivals letztes Jahr durch 10 Städte im DACH Raum tourte.

Das Festival hatte diesmal ein einziges Überthema: Wie kommunizieren wir unsere Themen?
Filmisch, dazu nachher ausführlich von Nico zu einzelnen Filmen, und medial. Und überhaupt. Anhand des Tiefseebergbaus haben wir uns gefragt, warum aktuell das geopolitische Framing ursprünglich ökologische Narrative überlagert und wie wir dem begegnen können. Dazu hatten wir zwei großartige Experten auf dem Podium: Nico Czaja von den Planet Narratives und Autor des KLARTEXT Meerespolitik, und TimFrederik Hahn, Doktorrand an der Uni Bremen, Globale Ressourcenpolitik am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien.

Neuigkeiten zum Tiefseebergbau wird es einem eigenen Logbucheintrag geben.
Am Infostand konnten sich alle Besucher:innen unsere PopUp Karte zu unserer NO DEEP SEA MINING – NEVER Kampagne mitnehmen (die ihr auch bei uns bestellen könnt)

und Fragen an unser wirklich wie es so schön heißt hochkarätiges Team stellen, dieses Jahr standen da tatsächlich 4 Doktores Rede und Antwort. (Wer mehr zu unserem Team wissen will, schaue auf die Teamseite)

Die Frage, wie wir filmisch am wirksamsten unsere Themen kommunizieren, haben wir gemeinsam mit dem Publikum diskutiert, in Form einer Fishbowl (die spontane Rotation der Teilnehmenden bildet ständig wechselnde Gesprächskonstellationen und neue Perspektiven)

Auch in den Pausen wurde wild diskutiert

und gegessen, denken macht hungrig. Das Team hat Brote geschmiert, Gemüsesticks geschnitten und Kuchen gebacken, alles wie es von uns erwartet wird vegan. Ein großer Dank an alle und die Mutter von A. für die Materialspende!
Und last but not least: Ohne das Lichtmess-Kino wäre das alles nichts.

Dieses Kino ist die ideale Antwort auf die Frage Wie kommunizieren wir unsere Themen?

Unser Dank geht daher an den, der genau solche Formate ermöglicht: die Hamburger Legende Carsten Knoop.

Und nun zum Gastbeitrag von Nico Czaja                

Das DEEPWAVE Filmfestival im Nachklapp: Exklusive Einblicke in unsere Köpfe

Wir haben einige eindrucksvolle und anregende Filme gesehen auf dem DEEPWAVE Filmfestival, aber dabei ist es nicht geblieben: In meinem Kopf haben die Filme danach noch so viel miteinander gesprochen, dass ich Anna um ein bisschen Platz im Logbuch gebeten habe, um sie nochmal ein wenig auszulüften.
Worum ging es in diesen langen Dialogen in meinem Kopf, denen ich interessiert habe zuhören können in den letzten Wochen? Vor allem darum, dass nicht nur wichtig ist, was wir erzählen – wir als NGOs, als Meeresschützer:innen, oder einfach als engagierte Menschen, die möchten, dass ihre Botschaften die Welt etwas besser machen – sondern auch und vor allem um das wie. Im weitesten Sinne: Um Erzählkunst, und wie wir sie nutzen können, um unseren Themen mehr Sichtbarkeit und Wirksamkeit zu verschaffen.
Dazu hatten die Filme in ihrer Gegenüberstellung einiges zu sagen, kein Zufall, so waren sie ja auch ausgesucht, und es lohnt es sich, hier ein paar Zeilen darüber zu verlieren – auch wenn das natürlich keinesfalls so schön werden kann wie der Besuch im Lichtmess-Kino, und niemals so lecker wie das liebevoll vorbereitete Schnittchen-Büffet.

Dein Gehirn und mein Gehirn

Ich schicke eine Prämisse voraus, die jetzt schon seit einigen Jahren den Kern meiner Arbeit bildet, für DEEPWAVE und für andere Akteure, die ich in ihrer Kommunikation begleite: Von mindestens drei Dingen wissen wir inzwischen ziemlich genau, dass sie für unsere Sache nicht besonders gut funktionieren – aus einem großen Stapel psychologischer und kommunikationswissenschaftlicher und Verhaltensforschung, aber wenn wir ehrlich hingucken: Eigentlich auch aus eigener Anschauung. Diese drei Dinge sind: Moralische Appelle, Untergangswarnungen und, Achtung, hot take: Fakten.
Das ist schade, und nicht ganz leicht zu schlucken, das verstehe ich gut. Man kann schon zornig werden auf die Menschen, wenn man ihnen sagt, was ist, und was der moralische Imperativ ist, der sich zwingend aus der Faktenlage ergibt, und die Menschen nicken und gucken ganz betroffen und machen dann einfach alles weiter wie bisher. Oder, schlimmer noch: Sie werden sauer, pöbeln rum und machen dann weiter wie bisher, nur doller. Und das ist wahrscheinlich der Grund, aus dem diese drei Dinge immer noch leider viel zu oft den Kern der Kommunikationsstrategie progressiver Akteure bilden: Es ist nicht leicht, die Idee ziehen zu lassen, dass es doch eigentlich reichen müsste, wenn man die Wahrheit sagt und gute Argumente hat.


Einen hot take hast du jetzt schon schlucken müssen, es folgen noch drei weitere, bevor wir in medias res gehen können:

  1. Du kannst das nicht ändern, Gehirne sind so gebaut, viele Entscheidungen, die Gehirne treffen, tun nur so, also ob sie rational zustande gekommen wären.
  2. Nicht nur die anderen sind häufig irgendwie ein bisschen zum Haare raufen verstockt, du bist es auch, und, man mag es nicht glauben, sogar ich. (Frag Daniel Kahneman, er hat ein sehr dickes Buch darüber geschrieben und für die Forschung dahinter einen Nobelpreis dafür bekommen, ich empfehle es dringend).
  3. Die bessere Kommunikation ist nicht die edlere und reinere, sondern die wirksamere.

Das waren jetzt schon ziemlich viele Wörter, bevor wir überhaupt irgendeinen Film erwähnt haben, und ich muss mich wirklich zusammenreißen, mich dazu einigermaßen kurz zu halten, weil: Steckenpferd. Zum Glück habe ich mich anderswo zu diesen Fragen schon in aller Ausführlichkeit ausbreiten können, deswegen ist der Druck auf meinem Wörterkessel noch gerade so bewältigbar - falls du nachlesen willst: Hier zum Beispiel, oder hier, oder hier, mit Quellen und allem.
Der Punkt, den ich hier machen möchte, ist vor allem dieser: Die wirksamere Kommunikation ist die, die die Wissenschaft des Denkens ernst nimmt und sich auf dieser Basis kluge Kniffe überlegt, an der Dämlichkeit des menschlichen Gehirns – deines, meines, unseres – vorbeizukommen, in die Leute hinein, um sie dort zu verändern.
Durch diese Brille möchte ich jetzt auf vier der gezeigten Filme schauen, die gut als zwei Gegensatzpaare funktionieren. Alle vier sind auch online verfügbar und unbedingt sehenswertes Anschauungsmaterial, aus unterschiedlichen Gründen.

Mit den Mitteln der Kunst erzählen

Uki und Whale Fall verfolgen ähnliche Ansätze: Beide sind ästethisch ambitionierte Trickfilme, beide arbeiten mit der starken Emotionalisierung eines Umweltthemas.
Ich schlage vor, du siehst sie dir kurz an, dann muss ich hier nicht so viel erzählen – die sind nur fünf Minuten lang und es lohnt sich.

Wieder da?
Also, das Emotionalisieren – das riecht ja für viele so ein bisschen nach Manipulation. Irgendwie unlauter. Es fühlt sich falsch an, wenn Menschen von traurigen Geigen überzeugt werden anstatt von Fakten, auch wenn es ganz offensichtlich immer wieder funktioniert. Aber der Punkt ist: Aus der Perspektive unseres Gehirns ist die natürlichste Daseinsform von Information die Geschichte, es erklärt sich die Welt in Form von Geschichten. Und Geschichten lösen Gefühle aus. Rohe Zahlen und Daten, die nicht mit einem starken Gefühl verbunden sind, sind dem Gehirn erstmal egal, sie gehen hier rein und da wieder raus, und egal, wie blöd wir das finden, wir werden das nicht ändern.
Das ist keinesfalls ein Freifahrtschein, Fakten links liegen zu lassen, ganz im Gegenteil. Aber es ist der Grund, aus dem wir den Fakten mehr und bessere Brücken in die Herzen bauen müssen, wenn wir wollen, dass sie verfangen: Brücken aus Gefühl. (Transparenzhinweis: Ich habe gerade gegoogelt, ob es das als Songtitel gibt, dann hätte ich einen Witz daraus machen können, leider vergeblich.)
Was Uki und Whale Fall machen, ist also strategisch erstmal unbedingt zu begrüßen.

Die nächste Frage ist allerdings: Welches Gefühl? Es gibt für diese Technik viel Anschauungsmaterial aus Ecken, mit denen wir uns ganz sicher nicht gemein machen wollen; die zentralen Gefühle, mit denen dort gearbeitet wird, sind Angst und Wut. Die sind besonders leicht herzustellen, wenn man bereit ist, allen Anstand über Bord zu werfen, Fakten bis zur Unkenntlichkeit zu verdrehen und komplexen Problemen unschuldige Sündenböcke und allzu einfache Lösungen entgegenzuhalten.

Aber Vorsicht vor dem naheliegenden Kurzschluss, negative Gefühle seien das Problem. Es gibt hochwirksame, faktentreue Kommunikation, die wehtut und gerade deshalb etwas bewegt, siehe zum Beispiel Blackfish. Der Unterschied, auf den es wirklich ankommt, ist nicht der zwischen angenehm und unangenehm. Er läuft vielmehr entlang der Frage: Öffnet mich ein Gefühl – oder sperrt es mich ein in meiner Ohnmacht? Lässt es mir einen Weg nach vorn, oder lässt es mich nur zerknirscht und handlungsunfähig zurück?

Das ist auch der Grund, warum wir die billige Tour gar nicht brauchen: Liebe, Freude, Hoffnung, Staunen, Witz öffnen zuverlässig – und man muss sich überhaupt nicht von Fakten und Anstand verabschieden, um diese Gefühle für eine wirkungsvollere Kommunikation urbar zu machen.

Und genau hier gehen Uki und Whale Fall deutlich auseinander.

Uki

Uki ist künstlerisch eindrücklich, atmosphärisch dicht und emotional wirkungsvoll. Aber das Gefühl, mit dem der Film das Publikum hinterlässt, ist Hilflosigkeit. Ich bin in einer Zeit klein gewesen, in der Kinder, die ihren Teller nicht leeraßen, gelegentlich zu hören bekamen, dass die Kinder in Afrika hungern – mit dem Resultat, sich vage schuldig zu fühlen und zugleich völlig erdrückt von der Machtlosigkeit, am Hunger in Afrika irgendetwas zu ändern.
An dieses Gefühl erinnert mich Uki. Wogegen oder wofür soll ich konkret entflammt sein, wenn ich nach diesem Film das Kino verlasse? Es ist natürlich nicht notwendigerweise die Aufgabe von Kunst, konkrete Handlungsimpulse für eine bessere Welt immer gleich frei Haus mitzuliefern. Bestimmt hat der Film seine Preise zu Recht gewonnen. Aber aus der Perspektive zivilgesellschaftlichen Engagements, in der Uki sich ja auch ziemlich offensichtlich positioniert, wünsche ich mir zu einer Anklage immer auch eine konkrete Option, einen Ausblick, eine Hoffnung, denn: What we cannot imagine, cannot come into being, (das ist leider nicht von mir, das hat die US-amerikanische feministische Denkerin bell hooks gesagt), oder, in wissenschaftlicher Sprache: Efficacy, also wahrnehmbare Selbstwirksamkeit, ist der Hauptschalter für alle negativen aktivierenden Emotionen. Wird dieser Schalter nicht umgelegt, dann reagieren wir in der Tendenz nicht mit Adressierung des Problems, sondern mit der Adressierung des unangenehmen Gefühls, das wir loswerden wollen, und in der Regel finden wir dafür einen nicht allzu aufwändigen Weg.

Whale Fall

Whale Fall geht in eine ganz andere Richtung: Das Leben nach dem Tod eines Wals – nicht mehr seins, aber das von tausenden anderen Organismen, das erst durch seinen Tod ermöglicht wird – wird als etwas Erstaunliches, Wunderbares nicht sachlich erklärt, sondern emotional erlebbar. 

Das konkrete Gefühl, das der Film auslöst, greift man am besten mit dem englischen Begriff awe - wir haben keine exakte deutsche Entsprechung, wir können uns nur mit einer Kombination aus Ehrfurcht und Staunen und dem Eindruck von Erhabenheit annähern. Ich bin auf eine wundervolle englische Definition gestoßen: a vastness that expands your sense of the world – aber sie hilft hier nur bedingt weiter, weil vastness gleich noch so ein schönes englisches Wort ist, dem wir mit keinem deutschen Äquivalent so richtig beikommen können.
Über dieses Gefühl von awe jedenfalls gibt es inzwischen so viel wissenschaftliche Literatur, dass man fast von einem eigenen Forschungszweig sprechen kann, und mindestens Folgendes lässt sich mit einiger Sicherheit konstatieren: Awe in Verbindung mit Naturerlebnissen erhöht das Gefühl der Verbundenheit mit der Natur (dazu zum Beispiel diese Studie) und senkt den Eindruck der Überlegenheit des Menschen über sie (und dazu diese hier); beides erhöht die Bereitschaft, sich für die Natur einzusetzen und zu ihren Gunsten auf Dinge zu verzichten.
Dazu kommt: Awe ist nicht nur ein aktivierendes Gefühl, darüberhinaus ist es auch eines, das den Genuss und die Teil-Wahrscheinlichkeit einer Geschichte vergrößert – die Chance ist größer, dass die Menschen draufklicken, dass sie es weitererzählen, dass viele andere etwas von der Geschichte mitbekommen. Exzellente Wahl aus der Werkzeugkiste der Emotionen also.
Das ist a) ein wichtiger Befund für uns Menschen, deren Kerninteresse es ist, andere für Naturschutz anzuzünden, und b) natürlich trotzdem kein Allheilmittel.
Was diese Studien zuverlässig zeigen, ist eine größere individuelle Handlungsbereitschaft, und das ist ja schon alles andere als wenig. Was aber die Forschung nicht gleich mitliefert, ist der Sprung von dort ins kollektive, politische Handeln – der Weg von „ich fühle mich der Natur verbunden" zu „wir organisieren uns und bewegen etwas" ist plausibel, aber eher erhofft als belegt.
Und ein Film allein wird auf der gesellschaftlichen Skala nicht allzu viel ändern, auch fünfzig nicht. Aber jeder Beitrag, der sich für einen solchen Ansatz entscheidet und – auch das beileibe keine Selbstverständlichkeit – ihn mit dem richtigen erzählerischen Gespür umsetzt, schiebt den Wal und das Meer oder was immer sonst das Thema ist, ein bisschen weiter ins Herz des Publikums, dorthin, wo sie hingehören, dorthin, wo Überzeugungen entstehen – und von wo aus sie, im besten Fall, zu Selbstermächtigung und Engagement heranwachsen können.

Von den Menschen her erzählen

Meeresschutz ist ein abstrakter Begriff. In den Ohren derer, die nicht ohnehin schon überzeugt sind und wirklich verinnerlicht haben, was auf dem Spiel steht, klingt er nach Altruismus und Selbstzweck, da kann man noch so oft wiederholen, wieviel Sauerstoff aus dem Meer und so weiter und so fort. Jaja, ist ein wichtiges Thema, aber ist ja morgen auch noch wichtig. Hey, sieh es mal so, so unwichtig wie heute wird Meeresschutz nie wieder! (diesen Witz habe ich von Till Reiners gestohlen)
Nimm es den Leuten nicht übel, sie können fast nichts dafür, wir sind alle unseren Steinzeitgehirnen ausgeliefert. Sie können noch so genau die Fakten kennen, die klarmachen sollten, was das Meer mit ihrem Leben zu tun hat, sie fühlen es nicht, und was sie nicht fühlen, existiert nur in der Theorie und lässt sich allzu leicht wegschieben, wenn der Denkapparat Energie sparen und Irritationen vermeiden will, und das will er fast immer.

Starbesetzung

Die nächsten beiden Filme, über die ich sprechen möchte, holen die Dringlichkeit von Meeresschutz aus der Theorie in die Realität, weil sie nicht erzählen: Wir müssen Meeresschutz betreiben, weil a und b und c, sondern: Guck mal hier, diese echten Menschen, die leben mit dem Meer und an dem Meer. Die haben ganz ähnliche Sorgen wie du, und sie haben manchmal echt zu kämpfen, genau wie du. Sie sind ein bisschen schrullig und haben Macken, aber insgesamt sind das Leute, mit denen man gerne mal in einer Kneipe ein langes Gespräch führen würde, sicher würde man viele Gemeinsamkeiten entdecken. Und guck mal, die haben die erste gemeinschaftseigene, regenerative Meeresfarm in Wales aufgebaut und ziehen dort Seetang und Muscheln (For the Love of the Sea) bzw. guck mal, die leben von der Fischerei in den Riffen an ihrer Küste, und jetzt pflanzen und dokumentieren sie Korallen (Coral in Focus), und das ist übrigens super für den Meeresschutz, und der ist natürlich auch für diese Leute, deine neuen Freunde, total wichtig, weil sie wie ganz viele andere überall auf dem Planeten ihre ganze Lebensgrundlage um ein intaktes Ökosystem Meer herum aufgebaut haben.
Das ist einfach richtig gut erzählt und eine ganz andere Geschichte als eine Reihe von talking heads, die zwischen Zwischenschnitten mit armen Tieren bedrohliche Fakten in die Kamera sagen. Weil du – zumindest für eine kurze Zeit – nicht mehr nur weißt, dass wir das Meer schützen müssen, sondern es auch fühlst. Die Filme verdienen sich dein Ohr, in dem sie dich mit den Protagonist:innen verbinden, und dann kann die Botschaft ganz anders landen und wirken, selbst wenn du mit Meeresschutz bisher nicht so viel am Hut hattest. (Der Grund, aus dem sinnvoller Walschutz es in Deutschland eher schwer hat, der Schutz von Timmy dem Wal hingegen eine regelrechte Massenhysterie ausgelöst hat, ist ähnlich gelagert, was will man machen, es ist das Gehirn. Hier die Neurowissenschaftlerin Maren Urner dazu in einer wunderbaren Folge von Fun Facts.)
Beide Filme haben also gemeinsam, dass die Botschaft von strahlkräftigen, glaubwürdigen und nahbaren Figuren getragen und so vom Abstrakten ins Konkrete geholt wird. Und: Beide Filme zeigen nicht nur Probleme, sondern Lösungen, die tatkräftig und charismatisch vor Ort angepackt werden, funktionieren und skalierbar sind (siehe oben, bell hooks etc., siehe aber auch unten die Wissenschaft).

Pakte mit Teufeln richtig machen

Beide Filme haben außerdem gemeinsam, dass sie von großen Unternehmen finanziert worden sind, Patagonia und Samsung nämlich. Damit gehen sie unterschiedlich um, mit unterschiedlicher Wirkung, und das spiegelte sich sehr anschaulich in der Atmosphäre im Saal während der Vorführung.
Coral in Focus beschreibt, wie in einem Projekt auf den Fidschi-Inseln eine lokale Organisation tausende Fotos von Korallenriffen macht, aus denen ein Forschungszentrum in den USA virtuelle 3D-Modelle der Riffe erstellt, die in neuem Maßstab erlauben, Erkenntnisse zum Schutz der Korallen zu gewinnen. Diese kleine Organisation kann das in dieser Größenordnung tun, weil Samsung genau für diesen Anwendungsfall einen Kameramodus für ihre handelsüblichen Smartphones entwickelt hat, der auf Unterwasser-Korallenfotographie optimiert ist und so eine Qualität erlaubt, die bisher nur mit sehr teuren, großen Unterwasserkameras möglich war. Das ist, Samsung hin oder her, eine Demokratisierung von Technologie, die dieser und vergleichbaren Initiativen in aller Welt ermöglicht, citizen science auf einem Niveau zu betreiben, das zuvor finanziell undenkbar gewesen wäre.
Während aber in For the Love of the Sea, einem Portrait einer äußerst einnehmenden walisischen Seetang-Farmer-Familie, der Sponsor Patagonia nur einmal zu Beginn im Vorspann auftaucht und sich ansonsten vornehm zurückhält, kippt Coral in Focus zu einem Zeitpunkt in die Eigenwerbung, zu dem noch reichlich Film übrig ist: mit Statements von PR-Menschen über die Großartigkeit der Arbeit des Konzerns und zahlreichen heldenhaften Samsung-Ingenieur:innen bei der Arbeit. 

Kleine Wellen spöttischen Kicherns gingen durch den Kinosaal, und, so meine These: mit einem Mal war all das positive Messaging, das das Ensemble aus ebenfalls einnehmenden Protagonist:innen bis dahin so schön getragen hatte, überschrieben mit niederschwelliger Empörung über das Greenwashing eines Tech-Riesen, und große Teile der emotionalen Wirkung des Films – die, das haben wir ja festgestellt, einen wesentlichen Teil der Wirksamkeitsgleichung ausmacht – waren dahin.
Ist Coral in Focus deswegen für die Meeresschutz-Kommunikation ungeeignet?
Ich würde sagen, nein, im Gegenteil – er ist lediglich nicht allzu gut dafür geeignet, Meeresschutz-Kommunikation an ein Publikum aus vermutlich kapitalismus-skeptischen, ohnehin meeresschutz-nahen Personen zu betreiben. Bei einem Publikum aus technophilen Samsung-Fans hingegen, die sich eigentlich nicht groß für Korallen interessieren, aber technische Neuerungen aufmerksam verfolgen – bei Leuten also, die von sich aus keine Meeresschutz-Dokus schauen würden – könnte das, was bei uns als greenwashing-verdächtige Selbstbeweihräucherung landet, genau der emotionale Türöffner sein, den es braucht, um einen Unterschied zu machen. Und, und das sei der letzte hot take für heute: Von solchen Leuten gibt es vermutlich mindestens so viele wie Kapitalismuskritiker:innen.
Die strategische Lehre: Unterschiedliche Zielgruppen springen auf unterschiedliche Framings an, und das sollten wir zur Kenntnis nehmen und uns zu nutze machen, anstatt uns darüber zu empören.
Für das Festival eine gute Wahl war der Film natürlich allemal, weil für Menschen, die über Umweltkommunikation nachdenken, im Zusammenspiel mit For the Love of the Sea genau diese Unterschiedlichkeit sichtbar wird und interessiert betrachtet werden kann.

You never sail alone,  

Eure Anna Groß
CEO DEEPWAVE

Statt Empfehlungen gibt es diesmal Nicos

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