Liebe Freund:innen der Meere, liebe Ozean-Enthusiast:innen, liebe Mitstreiter:innen,

der Silberstreifen am Horizont. Wie oft habe ich ihn hier am Meer gesehen und fotografiert. Wie oft hat er mich daran erinnert, dass es so etwas gibt. Wenn man nur genau hinschaut.

Letztes Jahr um diese Zeit hat mein Logbucheintrag vom Meer ausschließlich mit Bildern gesprochen. Dieses Jahr sind wir wieder am gleichen Ort an der dänischen Nordseeküste, wie jedes Jahr um diese Zeit. Dieses wir ist ein privates, hat aber auch sehr viel mit DEEPWAVE zu tun. Zehn Jahre ist es her, dass unser Gründer Onno Groß verunglückt ist. Zehn Jahre, manche sagen, zehn Jahre ist eine lange Zeit, für uns ist es eine Zeit, die keine ist. Weder kurz noch lang noch irgendetwas dazwischen, eher Wellen, Stürme, ruhige Wasser, Licht, eine Zeit, die es nie geben sollte, die es aber dennoch gibt. Und mit der wir leben müssen. Und leben. Irgendwann in diesen zehn Jahren haben wir uns entschieden, das Schiff zu übernehmen und damit weiterzufahren. Die Besatzung hat sich geändert, die Route, die Art und Weise, wie wir es fahren. Aber das Ziel ist das Gleiche: Für das Meer, auf dem es fährt, zu sorgen.

Es gab Zeiten, politische Zeiten, in denen wir euphorisch waren und dachten, wir können etwas bewegen, wir können sogar viel bewegen, und jetzt finden wir uns in einer Zeit wieder, in der es alles andere als danach aussieht. Aber wenn wir eins geerbt haben, dann nicht aufzugeben, Wege zu suchen und zu finden, die noch nicht gegangen worden sind, Menschen zu suchen und zu finden und zusammenzubringen, die diese Wege gehen.

Die Frage, was es heißt "für das Meer zu sorgen" hat sich immer mehr verändert in diesen zehn Jahren. Sie ist in den letzten Jahren, Monaten, Wochen noch politischer geworden, als sie es eh schon war. Sie braucht noch mehr Mut, noch mehr Durchhaltevermögen, noch mehr Fantasie, noch mehr Zusammenhalt.

Wenn ich unser Schiff anschaue und was wir davon an Bord haben, dann haben wir davon sehr viel an Bord. Wir bleiben auf Fahrt auf Kurs auf Hoher See und verteilen von dort aus unsere Güter, die alle einen Namen tragen: Ocean Literacy.

Was ist damit gemeint?

Auf dem Poster, mit dem wir unsere Arbeit auf dem Meeresumwelt-Symposium der Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg und auf der Feier zum zehnjährigen Bestehen des Runden Tisch Meeresmüll in Berlin vorgestellt haben, versammeln wir alles dazu. Alphabetisierung für das Meer wäre ein Versuch das Wort aus dem Englischen zu holen. Passt aber ganz gut: Wir können das Meer nicht lesen. Also bedarf es einer Buchstabierhilfe, es bedarf Übersetzungen, Erklärungen, Deutungen, Hinweise, Studien, Handreichungen, Quellen,  Antworten und neue Fragen.  In jeglichem nur erdenklichem Medium. Für jede nur erdenkliche Zielgruppe.

Zu unserer Meeresfibel, die Onno Groß und unsere Illustratorin Anna Mandel noch gemeinsam geschrieben haben und die seit 2014 deutschlandweit an Schulen und privat genutzt wird und mit der wir jetzt in die 2. Auflage gehen, haben wir eine App (iOS, Google) entwickelt. 1000 Fragen, die unser Kinderteam uns gestellt hat, finden dort spielerisch ihre Antwort.

Unser Herzensthema ist für uns seit unserer Gründung 2003 und für Onno seit 1989 der Tiefseebergbau. Unsere Kampagne NO DEEP SEA MINUNG - NEVER richtet sich an alle, die es genau wissen wollen. Vom einfachen Einstieg bis zur großen Studie, versammelt sie Materialien der deutschen NGOs, die dazu arbeiten.

Die Haltung, die wir geerbt haben, führt dazu, dass wir als einzige Kampagne das Wörtchen NEVER im Titel führen. Wir meinen es auch so. Und nicht nur wir.

Zur Kampagne haben wir eine PopUp Karte mit dem Kartenmacher Jens Gollnow gebaut, die wir kostenlos in hoher Auflage verteilen, um das Thema so breit wie möglich ins Bewusstsein zu rücken. Die Karte ist ein schöner Köder mit der Hoffnung, dass ihre Nutzer:innen sie irgendwann umdrehen und in die Quellen zum Tiefseebergbau eintauchen. Um dann fundiert Bescheid zu wissen, wenn es drauf ankommt. Und das ist: jetzt.

Für alle Freund:innen der politischen Feinheiten und für die, die es werden wollen, um sich für die Meere einsetzen zu können, haben wir mit einem großen Team aus Autor:innen, Rechercheur:innen, Programmierern und Grafiker:innen ein Erklärtool entwickelt, ein sehr sehr umfangreiches: unseren KLARTEXT Meerespolitik. Der euch erklärt wie Ocean Governance funktioniert, allerdings weder im Wikipedia noch KI Stil, sondern - wir es sich für uns als NGO gehört, die die Aufgabe hat einzuordnen -  eher im Monty Python Modus. Und das Beste daran: Er kann immer auf den neuesten Stand gebracht werden. Was unser Team, allen voran unser Hauptautor Nico Czaja, gerade getan hat.

Wofür wir in Hamburg bekannt sind, ist unser eigenes DEEPWAVE Filmfestival, das wir seit 2019 in Eigenregie führen und das für Onnos Begeisterung für Kunst und überraschende Wege steht. Mit Kurzfilmen und ausführlichen Podiumsdiskussionen, unsere Expertisen- , Networking- und Mutmachmaschine.

Und last but not least die Nachrichten direkt aus dem Maschinenraum: das Logbuch, das ihr gerade lest.

Alle fünf haben das, was Ocean literacy von der reinen Alphabetisierung entscheidend unterscheidet: die Handreichung zum Handeln.

Wir werden oft gefragt, warum wir das machen. Für Onno? Ja, in der ersten Zeit ja, um sein Erbe lebendig fortzuführen und um mit ihm im Austausch zu bleiben. Das hat uns gerettet und alle, die mit ihm eng zusammengearbeitet haben. Dann hat sich die Welt, wie hätte sie es anders tun können, https://www.deepwave.org/newsletter/weiter gedreht und verändert, und wir haben uns oft gefragt, was würde Onno jetzt tun oder denken? Das frage ich mich im Moment oft sehr mit Blick auf die Farbe Blau und alles was mit ihr zusammenhängt. Reclaim the Colour!

In den nächsten Jahren habe ich immer mehr verstanden und gefühlt, was es bedeutet, sich für die Meere einzusetzen. Was ich am Anfang fast vermessen fand, besonders wenn ich hier über die Düne stieg und auf die endlose Weite schaute. Die mich nicht braucht. Aber wenn ich auf den Boden sah

dann erinnerte es mich das daran, dass ich zumindest etwas wieder gut zumachen habe.

Wenn ich jetzt über die Dünen steige, habe ich zu Füßen unseren Plastikmüll, Sandkorn an Sandkorn, und vor mir am Horizont den unablässig rotblinkenden, heroischen Versuch, uns unabhängig zu machen von der Verbrennerei fossilen Zeugs.

Und daher stellt und beantworte sich die Frage inzwischen anders. Alle, mit denen wir eng zusammenarbeiten, im Team und in Projekten, können gar nicht anders, als das zu tun, was sie tun. Ein Wort: Verantwortung. Verantwortung für den Planeten, auf dem wir Gast sind, Verantwortung für die nächsten Generationen, Verantwortung für uns selbst, Verantwortung für jeden Tag. Weil aber Meeresschützer:innen so verrückte und großartige Menschen sind, ist diese Verantwortung zu übernehmen keine Last oder Bürde, sondern ein Geschenk und ein großes Glück. Ein solches Glück wünschen wir auch euch.

Wir gehen jetzt ans Meer, bis zum nächsten Mal

Eure Anna Groß
CEO DEEPWAVE

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