Liebe Freund:innen der Meere, liebe Ozean-Enthusiast:innen, liebe Mitstreiter:innen,
vor zwei Tagen habe ich live miterlebt, wie Demokratie funktioniert. Im Bundestag. Ich nehme euch mal mit, denn es ging um nichts Geringeres als unsere Zukunft.
Im Bundestag gibt es Parlamentarische Beiräte, die eigenständige Gremien sind, und Ausschüsse, die für die Beratung und Prüfung von Gesetzesentwürfen zuständig sind und eng mit den Beiräten zusammenarbeiten. Das heißt, sie beziehen deren Empfehlungen in ihre legislative Arbeit ein.
Wenn also ein solcher Beirat ein öffentliches Fachgespräch anbietet, ist das keine unerhebliche Sache. Und wenn es darin um das Thema „Schnelles Handeln in der Klimakrise - verschiedene Szenarien unserer Zukunft" geht, dann ist das eine ziemlich wichtige Sache.
Der Parlamentarische Beirat für nachhaltige Entwicklung und Zukunftsfragen hatte also am Mittwoch genau zu einem solchen öffentlichen Fachgespräch geladen.
Und er hatte auch noch etwas Außergewöhnliches getan: Einen Autor als Gast eingeladen, der sich nicht nur sehr gut wissenschaftlich mit den Meeren auskennt (Nachrichten aus einem unbekannten Universum, 2006), sondern der auch einen Thriller über den Ozean geschrieben hat, der viele Menschenleben gerettet hat, und ein Sachbuch, das sich explizit mit unserer Zukunft auseinandersetzt und wie wir sie so gestalten können, dass wir noch eine haben: Was, wenn wir einfach die Welt retten? Handeln in der Klimakrise, 2021.
Ein Buch, das nicht nur die Fakten auf den Tisch legt, sondern das, was wir gerade am allermeisten brauchen, was wir aber am wenigsten geliefert bekommen: Ein Bild von der Zukunft, für das es sich lohnt, sich einzusetzen. Der Autor breitet darin vor unseren Augen mit großer visionärer Kraft und ansteckender Begeisterung Lösungen aus, die es uns, wenn wir sie umsetzen, ermöglichen würden, die Klimakrise rechtzeitig noch so weit abzubremsen, dass wir eine lebbare Zukunft auf diesem Planeten haben. Und zwar wir alle. Das Verrückte an diesen verrückten, utopischen, Sciencefiction mäßigen Technologien - mit gigantischen Segeln fahrende Containerschiffe, gläserne grüne Bäume, die mit Mikroalgen gefüllt der Luft CO² entziehen, winzige Solarzellen, die sich einfach wie Farbe überall aufstreichen lassen, und und und ... - das Verrückte an all dem ist, dass es es schon gibt.
An diesen Ideen wird weltweit geforscht, sie sind bereits in der praktischen Testphase, sie bewähren sich im kleinen Maßstab. Aber wir nehmen die Krise nicht ernst genug, um sie im Großen umzusetzen.
Von welchem Autor rede ich? Natürlich von Frank Schätzing. Für alle von euch, die zu jung sind, um zu wissen, warum er mit seinem Roman Der Schwarm Menschenleben gerettet hat: Der Schwarm, in dem ein Tsunami eine tragende Rolle spielt, erschien im Februar vor dem furchtbaren Tsunami Weihnachten 2004, der geschätzt 230 000 Menschen das Leben gekostet hat. Wir selber kennen persönlich eine der Familien, deren Familienmitglieder dort Urlaub machten und deren Leben durch dieses Buch gerettet wurde, weil sie es am Strand lasen oder es gerade gelesen hatten, und als das Wasser zurückging, wussten, was das bedeutet. Im Gegensatz zu allen anderen um sie herum, die noch nie von einem Tsunami gehört hatten. Und die dann um ihr Leben rannten und schreiend alle um sie herum aufforderten, mitzurennen.
Ich saß also gestern als angemeldeter Gast oben auf der Tribüne (ich darf leider kein Foto hier reinsetzen, weil wir angewiesen waren, ausnahmsweise alle Handys auszuschalten), vor uns das riesengroße gläserne Fenster mit Blick auf die Spree und die vorbeifahrenden Touristenboote und den Sonnenuntergang mit leuchtender Reichstagskuppel, unter uns zwei große Kreise Tische mit Mikrofonen mit den Sitzen für die Fraktionen.
Alles was ich jetzt erzähle, ist öffentlich, alle, die sich in diesem Saal aufhielten, wussten, dass sie darin öffentlich sitzen. Auch das ist Demokratie.
Ich kenne diese Säle voll besetzt bis auf den letzten Stuhl an der Wand von unserem Parlamentskreis Meerespolitik, als es ihn noch gab unter der Ampel, ein großes Stakeholdertreffen, Politik, Industrie, Wissenschaft, NGOs, und den es jetzt unter der aktuellen Regierung nicht mehr gibt, naja doch, aber hinter verschlossenen Türen und statt mit 120 Teilnehmenden mit, wie wir hören, wie gesagt hinter verschlossenen Türen, fünf Menschen. Wir sind also nicht mehr dabei, obwohl wir zu denen gehören, die an seinem Aufbau mitgewirkt haben. Auch das nennt sich wohl Demokratie.
Gestern ... bei diesem Thema ... bei diesem doch sehr bekannten Gast hatten wir alle erwartet, dass der Saal selbst am Ende eines langen Mittwochs, des Ausschusstages, voll wird, aber er war ... fast leer.
Nicht einmal alle Fraktionen waren vertreten, die Linke glänzte komplett mit Abwesenheit und die anderen Fraktionen waren manchmal mit einer, manchmal mit zwei Menschen besetzt, ein fröhliches Kommen und Gehen. Die Tribüne allerdings, die war gut besetzt.
Frank Schätzing hielt einen großartigen Vortrag und wir oben auf der Tribüne haben gebannt gelauscht und uns aus dem Augenwinkel gewundert, wieso einige Politiker:innen am Handy scrollten, nun gut, wichtige Menschen machen wichtige Dinge parallel, aber dummerweise ist die Tribüne so gebaut, dass wir den Politiker:innen unter uns direkt auf ihre Handybildschirme und Laptops gucken konnten, was sie eigentlich wissen müssten. Und ja was soll ich sagen, während der anschließenden Diskussion haben wir hingeschaut und gesehen, was sie sahen, während im Saal so entscheidende Themen besprochen wurden wie die Umsetzung der Lösungen, die Frank Schätzing ausgebreitet hatte, die Frage, wie Menschen erreicht und begeistert werden können für die Gestaltung ihrer eigenen Zukunft, und wie wenig zielführend die Art und Weise des Umgangs in der Regierung untereinander ist. Was sahen wir auf den Bildschirmen: Hundevideos, Tanzvideos, die geliked wurden, Söder Memes, Studien wurden kurz aufgemacht und sofort wieder geschlossen, um in WhatsApp-Nachrichten zu scrollen. Ich habe danach im Anschluss lange mit einem Lehrer und seiner 14-jährigen Tochter gesprochen, die in den Herbstferien nach Berlin gefahren sind, für eine politische Reise, wie sie es nannten, und gestern den ganzen Tag im Bundestag verbracht hatten, den Tag mit Merz begonnen und mit Schätzing ausklingen ließen, um zu erleben und zu lernen, wie Demokratie funktioniert. Das hat die 14-Jährige jetzt.
Deutlicher kann man es nicht erleben. Dass wir uns nicht mehr auf die Politiker:innen verlassen können, gerade wir Deutschen, denn das vergaß ich zu erwähnen, dass bei der Entwicklung der zukunftsweisenden Technologien deutsche Ingenieur:innen upssie sehr weit vorne mitmischen, wesentlich weiter vorne als uns erzählt wird, wir aber seit neuestem in der weltweiten Wahrnehmung in einem schönen Fossilstate leben dank unserer fleißig Verträge mit großen fossilen Unternehmen unterzeichnenden Wirtschaftsministerin. Wir müssen die Sache selbst in die Hand nehmen. Und ihr kennt das alle: Den Stoßseufzer Wenn man nicht alles selber macht! aber auch das Gefühl, wie glücklich wir sind, wenn wir es selber machen, wenn wir etwas, von dem wir nie geglaubt hätten, dass wir es reparieren können, erfolgreich repariert haben. Also lasst uns unsere Zukunft reparieren!
Nachdem was ich gestern im Bundestag erlebt habe, wünsche ich inständig, dass genau das, was damals mit dem Schwarm passiert ist, noch einmal passiert. Dass wir Frank Schätzings Buch zur Klimakrise lesen, dass wir ihm zuhören, wenn er spricht, dass wir anderen zu hören, die dazu sprechen und die uns Lösungen an die Hand geben, und dass wir die Beine in die Hand nehmen und rennen, rennen, rennen. Nicht vor der Zukunft weg, sondern in die Zukunft hinein, dass wir alle das tun, was wir jetzt alle brauchen, nämlich die Welt retten. Weil es geht.